NOSFERATU. EINE SYMPHONIE DES GRAUENS

Nosferatu (1922) – als nicht autorisierte Adaption von Bram Stokers Dracula (1897) – erzählt die Geschichte des Vampirs Graf Orlok, der seine Heimat Transsylvanien verlässt, um ein Haus in der fiktiven norddeutschen Kleinstadt Wisborg zu beziehen. Mit seiner Ankunft dort bringt er die Pest in die Stadt. Um Wisborg vor dem Verderben zu retten, opfert sich die "unschuldige Maid" Ellen dem Vampir. Nosferatu soll angeblich dem Rumänischem Wort für "Untote" entlehnt sein. Mit Nosferatu legten der Maler Albin Grau als künstlerischer Leiter und Friedrich Wilhelm Murnau als Regisseur einen gewichtigen Grundstein für das Genre des Horrorfilms. Bis heute prägen die charakteristischen Merkmale Nosferatus – hervorstehende Reißzähne, spitze Fledermausohren, krallenbewehrte Finger – unser Bild von Vampir-Figuren. Aber auch der Spannungsafbau durch lange Einstellungen, die einzig einem expressiven wie unheimlichen Schattenwurf gewidmet sind, zählen heute zum filmischen Stilkanon.

Die Pest, die Orlok mit sich bringt, kann als Anspielung auf die zu jener Zeit eben erst überstandene Spanische Grippe gelesen werden, die von 1918 bis 1920 – je nach Schätzung – 20 bis 100 Millionen Menschen weltweit das Leben kostete. Der Einbruch des Bösen in die Idylle der Kleinstadt und die düstere Figur des Nosferatu sind Manifestationen kollektiver Ängste in einer gesellschaftlich wie politisch instabilen Zeit. Entsprechend sind künstlerisch ausformulierte Motive von Tod und Verderben keine Seltenheit: Es entstehen unter anderem Käthe Kollwitz’ Der Tod packt eine Frau (1934) und Kindersterben (1924/25). Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen produzierte Kollwitz in dieser Zeit mehrere Zyklen, die sich vor allem mit den sozialen Problemen des Proletariats, den Folgen des Kriegs, und dem Tod allgemein beschäftigen. Otto Dix und Otto Gleichmann stellen mit Trauerzug (1922) und Leichenschmaus (1925) einen direkten Bezug zum Tod und den Hinterbliebenen her. Eine filmische Besonderheit in Nosferatu stellen die zahlreichen Naturszenen dar, die zum einen die gefährdete Idylle repräsentieren und zum anderen verdeutlichen, dass der Horror nicht künstlich, sondern aus dem Alltäglichen entsteht. Der gesamte Film wurde bis auf die Interieur-Szenen als Außendreh in der Natur oder an Schauplätzen in verschiedenen Städten gedreht und kommt somit ohne die typischen expressionistischen Kulissen der Filmstudios aus.

Weiter zum nächsten Raum

Zurück zur Übersicht

Details zum Film:

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, 1922 (94 Minuten)
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch: Henrik Galeen (nach dem Roman Dracula von Bram Stoker)
Produktion: Enrico Dieckmann, Albin Grau
Produktionsfirma: Prana-Film GmbH, Berlin
Kamera: Fritz Arno Wagnerm Günther Krampf
 

Besetzung:
Graf Orlok/Nosferatu: Max Schreck
Thomas Hutter: Gustav von Wangenheim
Ellen: Greta Schröder
der Makler Knock: Alexander Granach
der Reeder Harding: Georg H. Schnell
der Paracelsianer Prof. Bulwer: John Gottowt
der Stadtarzt Dr. Sievers: Gustav Botz
Kapitän der Empusa: Max Nemetz
Hardings Schwester Ruth: Ruth Landshoff
Maat der Empusa: Wolfgang Heinz
Matrose der Empusa: Albert Venohr

Drücke Enter, um die Suche zu starten