VON HAND ZU HAND. Werke der Kunsthalle und ihre bewegte Geschichte

In wessen Besitz befanden sich die Sammlungswerke, bevor sie in die Kunsthalle kamen, wann gehörten sie wem und wie erfolgten die Besitzwechsel? Befinden sich in der Sammlung Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1945 unrechtmäßig den Besitzer oder die Besitzerin gewechselt haben?

Mitte Oktober 2020 wurde ein, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Forschungsprojekt begonnen, um diesen Fragen systematisch nachzugehen. In dieser, das Projekt abschließenden Ausstellung werden Quellen, Methoden und Ergebnisse der Provenienzforschung präsentiert und neue Sichtweisen auf vertraute Werke eröffnet.

Provenienzforschung ist ein Grundpfeiler der Sammlungsarbeit. Die proaktive Hinterfragung der Werkgeschichten, ein transparenter Umgang mit den Rechercheergebnissen, das Finden von fairen und gerechten Lösungen und die Restitutionen von gestohlenen, erpressten oder enteigneten Werken sind in erster Linie ein wichtiger Teil der Vergangenheitsaufarbeitung. Eine bestmögliche Wissensgrundlage über die Werke in der eigenen Sammlung bietet für Kulturinstitutionen und Privatsammlungen darüber hinaus große Chancen für ein sicheres Sammlungsmanagement. Durch die Erkenntnisse der Provenienzforschung ergeben sich zudem neue Zugangsmöglichkeiten für die Vermittlung der Werke in Publikationen, Ausstellungen und Führungen.

Das Forschungsprojekt an der Kunsthalle Emden umfasst 97 Werke, die zwischen 1902 und 1945 entstanden sind: fünf Kunstgewerbeobjekte, zehn Skulpturen und 82 Gemälde. Die Besonderheiten des Projekts liegen in Zeitpunkt und Zugangsart in die Sammlung, in der heterogenen Zusammensetzung des Konvoluts und in der Quellenlage.

Ein großer Teil der erforschten Werke ging 1986 als Stiftung Henri Nannens in den Bestand der Kunsthalle Emden ein. 1996 erhielt das Museum weitere Kunstwerke aus der Zeit vor 1945 aus seinem Nachlass. Die meisten von Henri Nannen gestifteten Werke hatte er in den 1970er und 1980er Jahren im deutschen und internationalen Kunsthandel erworben. Ein weiterer Teil des untersuchten Konvoluts kam als Stiftung oder Geschenk Dritter in die Sammlung.

Die überprüften Werke stammen von insgesamt 45 Künstlerinnen und Künstlern, von denen einige, wie Max Beckmann oder Lyonel Feininger, namhaft und gut erforscht sind. Andere, wie Rüdiger Berlit oder Arthur Segal, sind hingegen weniger bekannt. Zu Anfang des Projekts wies die Provenienz der meisten Werke des Forschungskonvoluts große Lücken zwischen 1933 und 1945 und in späteren Zeiträumen auf. Um diese Lücken zu schließen, wurde einerseits die Besitzkette ab Entstehung des jeweiligen Werks in den Blick genommen, andererseits wurden die bekannten Besitzinformationen von heute aus bestmöglich rückwärtschronologisch verifiziert und ergänzt.

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