Schön will dieses Gemälde von Heimrad Prem nicht sein - im Gegenteil: Provozierend grobschlächtig kommt die Malweise daher. In die mit breitem Spachtel aufgetragene und verschmierte Farbmaterie hat der Künstler Fundmaterialien wie Sand, Steinchen, Glassplitter und Schmirgelpapier
eingearbeitet. Mit absichtlich ungelenken, schwarzen Pinselstrichen machte er - links im Bild - aus einem länglichen Stück Papier einen rauchenden Kanonenofen mit überlangem Ofenrohr. Weiter rechts tritt ein vierschrötiger Mann mit kahlem Schädel und geflickter Kleidung auf, dessen Körper aus der Packpapiertüte einer Bäckerei besteht. "Zuchthäusler" nennt der Bildtitel diesen kahlköpfigen Kerl. Das Ganze erinnert an Kritzeleien an einer abblätternden, schmutzigen Zellenwand.
In der Rolle des aus der Gesellschaft ausgestoßenen Protagonisten sah der Künstler Heimrad Prem wohl auch sich selbst. Ein Jahr bevor er dieses Bild 1959 malte, hatte der 24jährige mit Freunden wie Helmut Sturm und Hans-Peter Zimmer in München die Gruppe SPUR gegründet. Die jungen Künstler gerieten mit anarchischen Kunstaktionen und frechen Äußerungen schon bald mit der Obrigkeit in Konflikt. Ihre SPUR-Zeitschrift wurde wegen "Staat und Kirche beleidigenden Äußerungen" beschlagnahmt, 1961 standen Prem und seine Mitstreiter wegen "fortgesetzten gemeinschaftlich verübten Vergehens der Verbreitung einer unzüchtigen Schrift" vor Gericht. Straftatbestände wie Gotteslästerung, Pornographie und Obszönität waren in der katholischen Wirtschaftswundergesellschaft Bayerns damals schnell erfüllt. Auf einem Flugblatt proklamierten die Künstler:
"Zusammen sind wir fähig, die heutige Zwangsbevormundung der menschlichen Ausdrucksfreiheit von seiten nichtkompetenter Institutionen wie Bürokratie, Polizei, Kirche und Justiz zu zerbrechen."*
Doch die SPUR-Künstler waren keine politischen Revolutionäre. Sie waren lustvolle Provokateure mit ungebremstem Freiheitsdrang und Wut auf die verlogene kleinbürgerliche Spießergesellschaft - ähnlich wie George Grosz und die Dadaisten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
*zit. Rötzer, in Kat. Prem 1995, S. 29 (Kopie)