"Wo der Baum nicht mehr wächst, ist Gott auch" nannte Franz Radziwill dieses Gemälde von 1951. Bäume sind in dieser städtischen Hafenlandschaft in der Tat nicht zu erkennen - hier gibt es überhaupt keine Vegetation. Links im Hintergrund rauchen Fabrikschlote, während vorne am Kai ein Ozeanriese vor Anker gegangen ist. Rechts ragt - vom Bildrand überschnitten - ein großer, bunter Verladekran auf. Davor schiebt sich ein Eisenbahnwagen ins Bild, beladen mit Stahlträgern, wie sie im Vordergrund bereits aufgestapelt liegen.
Radziwill zitiert hier Motive, die er bereits in den Zwanziger Jahren häufig gemalt hatte, und deutet sie auf neue Weise: Seit den Vierziger Jahren gewannen religiöse Inhalte in seinem Werk immer größere Bedeutung. Hier zeigen oben am Himmel farbige Schwingen die Präsenz einer spirituellen Macht an. Unten am Kai hockt ein halb durchscheinendes, ätherisches Wesen mit Engelsflügeln. Lena Nievers:
"Also in dieser hochtechnisierten Welt, voll von Dingen, die der Mensch geschaffen hat - (...) wenn man die Natur als göttliche Schöpfung sieht, dann ist die Welt in diesem Bild ja gestopft voll mit Menschenwerk - aber es gibt eben die Engel und das göttliche Auge, das heißt, es gibt eine transzendentale Präsenz. Es gibt etwas, das hinausweist über das Menschliche."
Immer mehr hatte Radziwill das Gefühl, dass der Mensch die Kontrolle über die Technik verlor - und zugleich den Bezug zu geistigen Dimensionen einbüßte.
Deshalb setzte er sich bereits in den Fünfziger Jahren persönlich für den Landschafts- und Naturschutz an der Nordseeküste ein. Er lebte unter kargen finanziellen Verhältnissen zurückgezogen in seinem Haus in Dangast, von der Kunstwelt weitgehend vergessen. Erst ab Mitte der Sechziger Jahre wurde er als einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.