Wehrhaft erheben sich drei Backsteintürme mit schießschartenartigen Fenstern hinter einer hohen Mauer. Die "Werftmauer in Wilhelmshaven" - so der Bildtitel - riegelt das dahinterliegende Gelände blickdicht ab. Wagenspuren führen aus dem Vordergrund auf das geschlossene Werkstor zu. Was dahinter vor sich geht, können wir nur erahnen: Einen Hinweis darauf geben - hinten links im Bild - die stahlgrauen Aufbauten der Kriegsschiffe, die martialisch und hochtechnisiert über den niedrigen Hausdächern aufragen.
Oben am Himmel scheint sich Bedrohliches zusammenzubrauen: Wie zu einem Strudel formen sich die Wolkenstrukturen. Daneben breiten sich spinnennetzartige schwarze Tentakel und befremdliche rot-grüne Farberscheinungen aus. Unten auf der Straße hingegen verweisen die Bekanntmachungen und Anschläge auf der Litfaßsäule auf eine politisierte Gegenwart.
Franz Radziwill malte dieses Bild 1937. Auf der Werft Wilhelmshaven lief die Rüstungsproduktion der Nationalsozialisten auf Hochtouren. Der Maler, der enge Beziehungen zu Marineoffizieren unterhielt, weilte häufig in der Hafenstadt. Zwischen 1936 und 39 unternahm er als Gast auf Schiffen der Kriegsmarine sogar Reisen bis nach Brasilien, Nordafrika und Spanien.
Radziwills Verhältnis zum Nationalsozialismus war ambivalent und wird bis heute von der Forschung kontrovers diskutiert. Folgendes steht fest: 1933 trat er in die NSDAP ein und nahm im selben Jahr eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf an. Doch zwei Jahre später wurde Radziwill aus seinem Lehramt entlassen und aufgrund seines expressionistischen Frühwerks als entarteter Künstler diffamiert.
1938 erteilten die Nationalsozialisten ihm Ausstellungsverbot. Im Zweiten Weltkrieg wurde er 1939 als Soldat an die Westfront eingezogen und war später in Wilhelmshaven bei der Feuerwehr und im Lazarett im Einsatz.