Ein wildes Gestrüpp aus abstrakten Pinselstrichen und Farbgesten - so präsentiert sich dieses Gemälde von Hans Platschek aus dem Jahr 1959. Es sieht aus wie ein typisches Werk des gegenstandslosen, frei improvisierenden "Informel", das als Stilrichtung die europäische Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte, parallel zum US-amerikanischen abstrakten Expressionismus von Künstlern wie Jackson Pollock. Doch Hans Platscheks Bildtitel verspricht uns einen "Weißen Hahn". Nur: wo in diesen dynamischen, stacheligen Strukturen ist das Federvieh zu entdecken?
Suchend schweift unser Blick über die linearen Farbspuren, die in alle Richtungen auseinanderstreben. In der Mitte verdichtet sich das Formenkonglomerat. Und tatsächlich: Hier scheint der wild flatternde Vogel, an den Füßen aufgehängt, aufzutauchen - mehr eine Bewegungs- und Formsuggestion, als ein wirklich abgebildetes Tier. Hans Platschek betreibt das Spiel zwischen abstrakt und gegenständlich in diesem farblich reduzierten Gemälde mit großer Virtuosität - und nicht ohne Witz. Sein Werk lässt sich auch als Kritik an der Dominanz abstrakter Gestaltungsweisen in den Fünfziger Jahren verstehen. Platschek war neben seiner Tätigkeit als Maler ein bedeutender Kunstkritiker und -theoretiker, der sich intensiv mit der Frage auseinandersetzte, was ein Bild sein kann und will. Über seine eigene Malerei äußerte er:
"An dem Durchquirlen der Malstoffe liegt mir nur insofern, als ich damit die Leinwand aufbereite. Dann aber tritt die Phase ein, in der sich das Gebilde herauslöst. (...)
Das Ergebnis ist ein Bild, das Fragen stellt und an das man, umgekehrt, Fragen stellen kann. - ein Fragezeichen im buchstäblichen Sinne des Wortes."*
* zit. nach Kat. Platschek Emden 1999, S. 9 (Kopie) und Kat. Emden Smgl. van de Loo, S. 46