Wie dramatisch ein rein abstraktes Gemälde wirken kann, macht dieses großformatige Werk von Fred Thieler deutlich. Aufgewühlte Farbströme scheinen sich durch das Bild zu wälzen. Sie überlagern und vermischen sich, als seien kosmische Kräfte am Werk. Tiefes Schwarz breitet sich bedrohlich aus, leuchtendes Weiß kämpft dagegen an, Gelb blitzt auf, Blau mischt sich ein. Das gesamte Bildgefüge scheint in Bewegung.
Es ist das Ergebnis eines dynamischen Schaffensprozesses, in dem der Maler sich von seinen Emotionen leiten ließ und beim Umgang mit dem Material auch den Zufall wirken ließ. Die auf dem Boden liegende Leinwand durchtränkte Thieler geradezu mit Farbe. Den Bildausschnitt wählte er erst nachträglich aus der ursprünglich noch größeren Leinwand heraus. Fred Thieler schuf dieses Werk 1992 - mit über 75 Jahren.
Der 1916 in Königsberg geborene Maler gehört einer Künstlergeneration an, die die Entdeckung abstrakter Bildwelten nach dem Zweiten Weltkrieg auch als persönliche Befreiung erlebte. 1945 schrieb sich Thieler in München zum Kunststudium ein, trat später in Paris mit Künstlern wie Hans Hartung und Serge Poliakoff in Kontakt und wurde zu einem der bedeutendsten Vertreter des europäischen "Informel". Diese Kunstrichtung strebte eine freie Entfaltung der bildnerischen Mittel an, losgelöst von gegenständlichen Formen und frei von geometrischen Prinzipien oder theoretischen Vorgaben. Die in Westeuropa und den USA dominierende abstrakte Malerei beinhaltete in der Ära des Kalten Krieges auch eine politisch-ideologische Komponente: Sie galt als Ausdruck des "freien Westens" im Gegensatz zum "sozialistischen Realismus" in den Ostblockländern.