Erregt gestikulieren die Männer auf diesem Gemälde von Josef Scharl. Auf ihren fratzenhaften Gesichtern spiegeln sich Entrüstung und Zorn. Manche schreien wütend durcheinander, andere halten sich abwartend zurück und scheinen das Geschehen aus den Augenwinkel zu beobachten. Was geht hier vor?
Die Gewänder lassen erkennen, dass es sich bei den Männern um kirchliche Würdenträger handelt, um mächtige Herren in der Hierarchie der christlichen Kirche. Doch die strahlende Lichtgestalt im Zentrum des Bildes überragt sie alle: Es ist Christus, gekleidet in das weiße Gewand der Unschuld und Reinheit, mit schlichten Sandalen an den bloßen Füßen. Mit entschlossener Geste weist er die Männer aus dem Haus.
"Vertreibung aus dem Tempel (Tempelreinigung)" hat Josef Scharl sein Bild genannt. Es geht auf eine biblische Geschichte aus dem Johannes-Evangelium zurück: Sie erzählt, wie Christus Geldwechsler, Geschäftemacher und Viehhändler aus dem Tempel Jerusalems vertrieb. Josef Scharl gab dieser biblischen Geschichte überzeitliche Aktualität, indem er auf erzählerisches Beiwerk verzichtete. Seine Darstellung gewinnt ihre Lebendigkeit vor allem aus der Ausdruckskraft von Gestik und Mimik. So prangert Scharls Bild Missstände innerhalb des Machtapparats der Kirche an: in der Vergangenheit wie in der Gegenwart.
Scharl konzipierte das Gemälde als eine Art Pendant zu seinem zwei Jahre zuvor entstandenen Gemälde "Blinder Bettler im Café", das sich im ebenfalls im Besitz der Kunsthalle befindet. Gegenwart und Vergangenheit, großstädtischer Alltag und religiöse Gleichniswelt treten in diesem Gemälden in einen Dialog. Beide Bilder können jedoch auch als eigenständige Werke für sich stehen.
Nachlass des Künstlers, Alois Scharl, München/Kucha, ####–1967 [1]; Galerie Nierendorf, Berlin, 1967–Januar 1972 [2]; Gruner + Jahr, Stern-Redaktion Bonn, Januar 1972– mindestens 31.10.1976 [3]; Privatsammlung Henri Nannen, Hamburg/Emden, frühestens November 1976–08.11.1995 [4]; Eske Nannen, Emden, als Schenkung von Henri Nannen am 08.11.1995; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen, 08.11.1995, als Zustiftung von Eske Nannen [5]
[1] Kommissionsliste über Gemälde aus dem Nachlass Scharl zwecks Ausstellung in der Galerie Nierendorf (1967).
[2] Auf der Gemälderückseite befindet sich eine Kommissionsnummer der Galerie Nierendorf Berlin (C 2565). Es ist auf einer Abrechnung der in Kommission von der Galerie verkauften Gemälde an Alois Scharl aufgeführt.
[3] Rechnung der Galerie Nierendorf, Berlin, vom 19.01.1972; Ankauf durch Henri Nannen für den Gruner + Jahr Verlag (1972). Die Stern-Redaktion Bonn war laut Rückseitenetikett Leihgeber des Gemäldes für die Josef Scharl Ausstellung im Museum am Ostwall Dortmund vom 16. September bis 31. Oktober 1976 (Vgl. Ausst.-Kat. Josef Scharl, Museum am Ostwall Dortmund, 1976, S. 14).
[4] Wie und wann das Gemälde in den Besitz Henri Nannens kam, ist bislang unbekannt.
[5] Schenkungsvertrag und notariell beglaubigte »Bestätigung des Vollzuges der Zustiftung« durch Eske Nannen; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.