Geduldig schieben sich die Menschenmassen durch einen schier endlosen Tunnel - den "Übergang (In der Metro)", so der Titel dieses Gemäldes von Alexej A. Sundukow. Genau so hat Eske Nannen es in Moskau erlebt. Sie erzählt:
"... wer das erlebt hat, in der Metro in Moskau, und vor allen Dingen zu DER Zeit: Die Leute haben ja gesehen und gehamstert, was sie kriegen konnten, und wenn´s da Klopapier gab, dann kauften sie dies, oder - es gab ja nicht immer alles.(...) Man sieht den Offizier, man sieht Frauen, die eben nicht so gut gekleidet sind, mit so einer Art Pelzmütze, was in Russland dazugehört, und dann wieder auch die Masse Mensch (...) - es ist eben ein großes Volk. (...) Ich war jetzt lange nicht in Moskau (...), aber zu DER Zeit - SO habe ich es mehrfach bei Besuchen dort erlebt."
Das Gemälde erschöpft sich jedoch nicht in der nüchternen Wiedergabe der Alltagsrealität, sondern wirft auch übergeordnete Fragen auf: Welchem Ziel strömen all diese Menschen zu? Was erwartet sie am Ende des erleuchteten Tunnels, der als Sinnbild des Lebensweges verstanden werden kann? Sundukows Realismus ist immer auch von philosophischen Überlegungen bestimmt. Er schrieb:
"Wir existieren alle in einer einzigen Wirklichkeit, aber warum hat sie so viele Formen des Erscheinens, sich widersprechende Bedeutungen (...)? Diese und andere Fragen aus Vergangenheit und Zukunft attackieren jeden Tag mein Bewusstsein), aber die zerfallende und sich in der Umgestaltung befindende Realität gewährt keinen Halt für Antworten."*
Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit war für viele russische Künstler ein zentrales Anliegen. Doch worin unterscheidet solch ein Gemälde eigentlich vom Sozialistischen Realismus? Mehr erfahren Sie, wenn Sie die grüne Taste drücken.
* Sundukow, Zitat aus Kat. Glasnost, Emden, 1988, S. 66
Die Doktrin des sozialistischen Realismus wurde 1934 unter Josef Stalin vom ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes offiziell festgeschrieben und zur einzig zulässigen Methode erklärt. Wörtlich hieß es: "Der sozialistische Realismus (...) fordert vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung" mit dem Ziel "der ideologischen Umformung und Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus".
Die Wiedergabe der Realität sollte also immer auf die Ideologie der kommunistischen Partei ausgerichtet sein. Es galt die Helden des Sozialismus zu glorifizieren, die Errungenschaften des Staates zu verklären und zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beizutragen. Ein Hang zum Heroischen verband sich mit akademischer Detailtreue und einem oft oberflächlichen, pathetischen Optimismus. Alle Formen abstrakter und avantgardistischer Kunst wurden als "formalistisch" gebrandmarkt. Auch nach Stalins Tod 1953 blieb der sozialistische Realismus bindend, wenn auch in gelockerter Form.
Seit den 70er Jahren jedoch versuchten viele russische Künstler, neue Arten des Realismus zu entwickeln, die nicht an die Interessen der Partei gebunden waren und eine unabhängige, kritische Sicht auf die Wirklichkeit ermöglichten. Sie knüpften dabei auch an die Tradition des bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden russischen Realismus an. Künstler wie Ilja Repin hatten damals Themen aus dem Leben des russischen Volkes aufgegriffen, statt konventionelle historische oder religiöse Stoffe zu behandeln.
Unverfälscht wollten sie die soziale Wirklichkeit, einschließlich Armut, Not und Leid, darstellen.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bildete die Identifikation mit dem einfachen, russischen Volk für viele Intellektuelle und Künstler eine wichtige Inspirationsquelle.