Die Formate sind klein, die Technik wirkt minimalistisch: Schwarz auf weiß setzte Alfred Kremer in seinen späten Tuschezeichnungen Gestalten, Tiere und Situationen aufs Papier. Diese Blätter entstanden unter extremen Schaffensbedingungen: Der 1895 geborene Künstler, der nach dem Ersten Weltkrieg in München Malerei studiert und auch als Rundfunkjournalist und Sportlehrer gearbeitet hatte, erkrankte in den Sechziger Jahren stark an Arthrose. Schließlich konnte er nur noch im Liegen arbeiten. Zwischen 1962 und 1965 entstanden in seiner letzten Lebensphase Tausende von Tuschezeichnung, wie wir sie hier in einer Auswahl vor uns sehen.
Zunehmend abgekapselt von der Außenwelt und gefangen in seinem Körper, entfaltete der Künstler eine fieberhafte Aktivität, produktiver als je zuvor. Stilistisch machte er Tabula Rasa und fing noch einmal ganz von vorn an. Er tauchte seinen Pinsel in die schwarze Tusche und malte mit wenigen Strichen Figuren auf die weiße Fläche. Die noch feuchte Farbe saugte er teilweise mit Löschpapier wieder auf, sodass die Motive eine halbtransparente Leichtigkeit erhielten - wie durchsichtige Schatten an einer Wand.
Diese Schemen lassen an das berühmte Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon denken: Es schildert, wie Menschen in einer Höhle so festgebunden sind, dass sie ihre Körper nicht bewegen können und immer auf die ihnen gegenüberliegende Höhlenwand schauen. Auf dieser Wand zeichnen sich im flackernden Licht eines Feuers Schatten von Gegenständen ab, die die Gefangenen selbst nicht sehen können. Sie halten die Schemen für die Realität.
Alfred Kremer trat in seinen späten Tuschezeichnungen in Zwiesprache mit den Bildern, die seine eigene Phantasie bevölkerten: Archaisches mischt sich hier mit christlichen Motiven, Reflexen auf tagespolitische Ereignisse und Momenten des Alltags. Es sind Bildzeichen von großer Ausdruckskraft. Und von schöpferischer Authentizität.