Sie hüpft, sie wirbelt, sie schwebt geradezu über das Blatt - die "Tänzerin in rotem Kleid" von Emil Nolde. Alles an ihr ist Schwung, Musik und Leichtigkeit. Die Beine berühren kaum noch den Bühnenboden. Und beinahe so schnell, wie die Tänzerin dahingleitet, fliegt der Pinsel des Malers übers Papier. Emil Nolde hat in diesem wunderbaren Aquarell den mitreißenden Zauber des Berliner Nachtlebens vor dem Ersten Weltkrieg eingefangen. Vor allem in den Wintermonaten, wenn es auf Insel Alsen, wo er damals wohnte, still und einsam war, weilte der Künstler mit seiner Frau Ada häufig in der Metropole. Dr. Katharina Henkel:
"Es ist auch überliefert, dass er vor allem bei Max Reinhardt im Deutschen Theater während der Proben, aber auch während der Aufführungen, gesessen hat, seinen Aquarellmalkasten dabei hatte, verschiedene Papiere und dort vor Ort die Aquarelle gemalt hat. Und wenn man sich vorstellt, dass ja der Zuschauerbereich normalerweise abgedunkelt ist, dann kann man sich vorstellen, dass er sein Handwerk sehr gut beherrscht haben muss.
Es sind interessante Farbkombinationen: das kräftige Rot, dann hat man so ein Graublau, aber auch ein saftiges, sehr kräftiges Grün im Hintergrund, das dann mit Violett kombiniert wird. Also sehr kühne Farbkombinationen."
Dr. Nils Ohlsen:
"Ja, es ist fantastisch, was für ein Risiko er hier auch eingeht, mit welcher Lust er sich hier zwischen Zufall und Kalkül bewegt. Er lässt die Farbe einfach rauffließen, lässt die Farben ineinanderfließen, undman merkt richtig den Spaß, wie er hier ein Experiment mit verschiedenen Farben ausübt, in Windeseile natürlich und gleichzeitig eine phantastische Komposition schafft, wo die Figur nicht einfach in die Mitte gesetzt wird, sondern so nach oben links geschoben wird, und dadurch das ganze Blatt eine sehr schöne lebendige Spannung bekommt."
Hier ist die Kunst Emil Noldes in ihrer ganzen Vitalität zu erleben - unmittelbarer noch als in seinen Ölgemälden.
Der Künstler kam 1867 als Sohn des Bauern Nils Hansen in der Nähe von Tondern im deutsch-dänischen Grenzland zur Welt. Später benannte er sich nach seinem Geburtsort, dem Dorf Nolde. Nach einer Ausbildung zum Holzschnitzer arbeitete er als Zeichenlehrer und studierte um die Jahrhundertwende Malerei in München, Dachau und Paris. Später schloss er sich vorübergehend der Künstlergemeinschaft "Brücke" an und wurde 1909 Mitglied der Berliner Secession. Doch im Grund blieb Nolde stets ein Einzelgänger, der gerne zurückgezogen auf dem Land lebte: Bis 1915 verbrachte er die Sommermonate mit seiner Frau Ada stets auf der Insel Alsen, den Winter jedoch häufig in der Großstadt Berlin. Später ließ er sich in Utenwarf bei Tondern nieder, und erfüllte sich 1926 einen Traum: Er ließ sich nach eigenen Entwürfen sein einsam gelegenes Haus Seebüll errichten, inmitten eines Blumen bestandenen Gartens, den er selbst anlegte und sehr liebte. In der NS-Zeit verfehmt und mit Malverbot belegt, arbeitete Nolde heimlich weiter: Nun entstanden von 1938 bis 1945 seine so genannten "ungemalten Bilder" - zahlreiche kleinformatige Aquarelle von großer Ausdruckskraft und Farbintensität. 1956 starb Emil Nolde in seinem Haus in Seebüll. Es ist heute als Museum zu besichtigen.