Die Zeit steht still - für einen Moment oder für eine Ewigkeit. Dieses Gemälde des Malers Franz Radziwill ist ein Still-Leben im wahrsten Sinne des Wortes: Hier bewegt sich nichts. Alles wirkt wie eingefroren. Ein paar ganz alltägliche Gegenstände hat der Künstler auf einem schlichten Holztisch vor uns aufgebaut: Einen tiefen Teller, einen Henkelkrug mit zwei Dahlien, eine Flasche mit Schnappverschluss und eine weiße Deckeltasse. Ungemein plastisch und präzise treten die Gegenstände aus der Fläche hervor: Sie scheinen beinahe ein Eigenleben zu entwickeln. Die geradezu monumentale Präsenz der Dinge beruht auch darauf, dass wir sie von einem extrem niedrigen Blickpunkt aus sehen: Die Augenhöhe liegt nur knapp oberhalb der Tischkante. Von links dringt eine eigenartig kreidige, diffuse Helligkeit ins Bild, deren Lichtquelle wir nicht ausmachen können. So gelingt es Radziwill, eine unterschwellige Spannung im Bild aufzubauen, die sich nur noch steigert, je länger man das Gemälde betrachtet.
Viele deutsche Künstler wandten sich - wie Radziwill - in den Zwanziger und Dreißiger Jahren einem präzisen Realismus mit Motiven aus dem Alltag zu. Der Museumsmann Gustav Hartlaub prägte dafür den Begriff "Neue Sachlichkeit". Wichtige Vertreter waren Otto Dix, Alexander Kanoldt und Christian Schad. Diese Kunstströmung stellte auch eine Gegenbewegung zur spontanen, emphatischen und "wilden" Malerei des Expressionismus dar. Franz Radziwills Werke jedoch gehen häufig über eine bloße Wiedergabe der Realität hinaus. Sie beschwören eine geheimnisvolle Aura, die sich fast bis ins Surreale steigern kann.