Ganz in sich versunken steht das Mädchen in seinem roten Kleid da, still, ein wenig schüchtern. Sein Blick geht nach innen - in eine eigene Welt, die für uns unerreichbar ist. Helles Sonnenlicht lässt das runde, von flachsblonden Haar umrahmte Gesicht aufleuchten und hebt es aus dem brauntonigen Umfeld hervor. Sehr einfühlsam nähert sich die Künstlerin Paula Modersohn-Becker in diesem Bild dem Wesen des Kindes: Sie beobachtet, drängt sich aber nicht auf.
Das Gemälde ist - wie alle Kinderdarstellungen der Malerin - kein niedlich-nettes Bildchen. Alle Klischeevorstellungen von glücklicher, sorgloser Kinderzeit prallen daran ab. Dass dies keine höhere Tochter aus bürgerlichem Hause ist, begreifen wir auf den ersten Blick. Sehen Sie - rechts hinten in der Ecke - die weiße Ziege, die dort ihren Kopf aus der Stalltür streckt? Dieses kleine Detail genügte der Malerin, um das bäuerliche Umfeld anzudeuten, in dem dieses Mädchen lebt.
Die Künstlerin malte das Bild 1902 in dem niedersächsischen Dorf Worpswede.
Vier Jahre zuvor hatte Paula Modersohn-Becker sich der dortigen Künstlerkolonie angeschlossen, die in dem Bauerndorf am Rande des Teufelsmoors nördlich von Bremen seit 1889 entstanden war. Maler wie Heinrich Vogeler oder Otto Modersohn - Paula Modersohn-Beckers späterer Ehemann-, hatte sich dort niedergelassen, um unabhängig vom akademischen Kunstbetrieb zu arbeiten, im direkten Kontakt mit der schlichten, bäuerlichen Umgebung. Paula Modersohn-Becker fand hier ihren ganz eigenen, herben Malstil. Doch ihre Laufbahn endete abrupt: 1907 starb sie im Alter von 31 Jahren nach der Geburt ihres einzigen Kindes.
Der mit Paula Modersohn-Becker befreundete Dichter Rainer Maria Rilke schrieb nach ihrem Tod:
"... und sahst die Kinder so, von innen hergetrieben in die Formen ihres Daseins."