Mit breitem Pinsel hat der junge Franz Radziwill warme, erdige Farben in raschen Zügen auf die Leinwand gesetzt. Die Regeln der klassischen Perspektive und Landschaftsmalerei scheinen vollkommen außer Kraft gesetzt - sodass wir einen Moment brauchen um zu erkennen, was hier überhaupt dargestellt ist: Häuser, Straßenlaternen, Baumreihen und Felder zeichnen sich ab. Im Vordergrund spaziert ein Paar auf einem in hellen Brauntönen wiedergegebenen Weg entlang: SIE geht mit Stockschirm und hochtoupiertem Haar vorneweg, während ER ihr mit einem Hündchen an der Leine folgt.
Mit diesem 1920 gemalten "Spaziergang am Stadtrand" stellte sich der 25jährige Radziwill dem Berliner Kunstpublikum auf einer Ausstellung der "Freien Secession" vor - und positionierte sich damit klar als Anhänger des Expressionismus. Im selben Jahr, als das Bild entstand, siedelte Radziwill aus seiner norddeutschen Heimat in die Hauptstadt über. Hier verkehrte er mit Künstlern wie George Grosz und den Expressionisten der "Brücke" wie Karl Schmidt-Rottluff. So konnte er die neuesten künstlerischen Entwicklungen am Puls der Zeit studieren.
Radziwill war 1895 in Strohausen in der Wesermarsch als Sohn eines Töpfers auf die Welt gekommen. Nach einer Maurerlehre hatte er in Bremen Architektur studiert und autodidaktisch zu malen begonnen. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Fronteinsatz und Kriegsgefangenschaft mit dem endgültigen Entschluss zurück, Künstler zu werden. Später meinte er im Rückblick:
M2:
"Wenn ich vor dem Ersten Weltkrieg und in den Zwanziger Jahren abstrakte Bilder betrachtete, erfassten sie mich wie im Rausch... Dann aber erkannte ich, dass die völlige Loslösung vom Gegenstand das Ende bedeuten würde."*
M1:
Nach seinen expressionistischen Anfängen sollte Radziwill später einen völlig anderen künstlerischen Weg einschlagen.
264 Wörter
* Zit. Kat. Radziwill, Ausst. Berlin 1981, S. 155