Jeden einzelnen Klinkerstein des Mauerwerks erkennt man auf diesem Gemälde - so präzise hat Franz Radziwill das "Siel bei Petershörn" gemalt. Der Künstler nahm solch ein Bauwerk durchaus mit den Augen des Fachmanns wahr, hatte er doch zu Beginn seiner Laufbahn eine Maurerlehre absolviert und Architektur studiert. Als dieses Siel in den Zwanziger Jahren in der Nähe seines Wohnorts Dangast errichtet wurde, war Radziwill fast täglich vor Ort, um die Bauarbeiten zu verfolgen.
Das Siel dient - in den Deich eingebaut - dazu, das Binnenland zu entwässern. Zugleich schafft es eine Verbindung zum offenem Meer. Bei Sturmflut werden die Tore geschlossen, und die Bewohner hoffen, dass das Siel den Naturgewalten standhält. Diese unterschwellig stets präsente Gefährdung macht Radziwills Gemälde eindrucksvoll deutlich. Lena Nievers:
"Denn (...) eigentlich ist es eine unheimliche Szene: Der Himmel ist nachtschwarz, gleichzeitig ist aber die Sielmauer wie von außen angestrahlt, sehr hell. Das Segelboot davor sieht aber fast so aus, als würde es eigentlich in dieses Hindernis reinfahren. Und die (...) Sieltore (...) sehen aus wie schwarze Löcher, also Tunnel, wo man nicht sieht, wohin es führt. Es sieht aus, als würde es ins Schwarze, ins Nichts führen..."
Und wirkt die grasbewachsene Deichkrone nicht beinahe wie eine gewaltige dunkle Woge, die sich hinter dem Siel aufbaut und darüber hinwegzubrechen droht? Radziwill hat sich in vielen Zeichnungen und Gemälden mit den Deichen und Küstenschutzanlagen seiner Dangaster Wahlheimat beschäftigt.
Das Prekäre dieser Landschaft, die dem Meer vom Menschen abgerungen wurde, war ihm stets bewusst.