Mit seinen oben abgeschrägten Ecken erinnert dieses Gemälde von Leonid A. Purygin an die Form eines mittelalterlichen Altarbildes. Die feine, emailartig brillante Farbigkeit ist von der russischen Volkskunst beeinflusst. Doch die märchenhafte Motivwelt zeugt von einer höchst individuellen Künstlerphantasie. Katharina Henkel:
"Ja, dieses Gemälde ist wirklich bizarr. (...) Es zeigt so eine Art Auferstehungsszene, wie man es wirklich aus dem kirchlichen Kontext auch kennt. Und es ist ein Selbstporträt des Künstlers, und er hat kurioserweise eine Farbpalette in der einen Hand und eine Weinflasche in der anderen - wobei man dazu wissen muss, dass er große Alkoholprobleme hatte, dann aber wieder (...) dem Alkohol abgeschworen hat."
Über dem Kopf des Künstlers dreht sich ein Reigen blütenweißer Tänzerinnen wie ein poetisch-ironischer Heiligenschein. Schwerelos schwebt der Maler in der tiefblauen Himmelssphäre, getragen von den Kreaturen seiner eigenen Phantasie: Da flattern Fisch- und Vogelwesen mit Menschenköpfen, Schmetterlingsflügeln und Drachengestalt. Die Figuren erinnern an die skurrilen Bilderfindungen von Hieronymus Bosch aus dem 16. Jahrhundert. Rundum entfalten sich miniaturartige Phantasielandschaften voller erotischer Szenen, merkwürdiger Flugapparate, magischer Lichterscheinungen und blühender Pflanzen. Leonid M. Purygin bezeichnete seine Malerei als "Mystischen Realismus". Er meinte:
"Ich habe in einem Bild hundert Bilder. Wenn ich zu malen beginne, dann dringe ich in das Bild ein, dann existiere ich dort, dann empfinde ich alles auf der "anderen" Seite, danach kehre ich zurück. Das ist Mystik."
Purygin kreierte mit seinen Werken eine irrwitzige Gegenwelt zur politischen Situation im Russland der 1980er Jahre, als unter Michael Gorbatschow eine Phase gewaltiger gesellschaftlicher Umbrüche das Ende der Sowjetära einleitete.