Christopher Lehmpfuhl, Schlossplatz im Juni, aus dem Zyklus „Schlossplatz im Wandel“ (2017)
Eine historische Großbaustelle! Hier entsteht in der Mitte Berlins das alte Schloss der Hohenzollern neu. Nur heißt es heute Humboldt Forum und soll künftig als Museum dienen.
Der Berliner Maler Christopher Lehmpfuhl dokumentiert die Fortschritte seit Baubeginn im Jahr 2013. „Schlossplatz im Wandel“ nennt er seinen Zyklus, der schon über 100 Gemälde umfasst. Dieses Bild zeigt den Zustand im Juni 2017. Es entstand direkt vor Ort, im Freien, wie alle Gemälde des Künstlers. Mit bloßen Händen trägt er dick Farbe auf, sodass sich ein plastisches Relief auf der Leinwand ergibt. Begonnen hatte seine malerische Stadterkundung 2008, als an gleicher Stelle der Palast der Republik aus DDR-Zeiten abgerissen wurde. Was ihn reizt?
„das Kaputte, von dem man denken könnte, es sei nicht malenswert. Genau an dem Punkt fängt für mich Malerei oft an: an den Umbruchstellen der Stadt, in denen sich die Zerrüttetheit unserer Zeit zeigt.“
Über den Abriss des Palastes der Republik wurde vehement gestritten. 1976 als Sitz der Volkskammer und Kulturhaus erbaut, hatte er dann das gleiche Schicksal wie sein Vorgängerbau, das alte Berliner Schloss, das die DDR-Führung 1950 trotz internationaler Proteste sprengen ließ, unter dem Motto:
„Es soll uns nichts mehr an unrühmlich Vergangenes erinnern.“
Einzig das Portal, von dem Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik ausgerufen hatte, wollte man aus politischen Gründen bewahren. Es wurde bei der Sprengung aber ebenfalls zerstört, so dass man ein ähnliches Portal einlagerte und es 13 Jahre später in das neue Staatsratsgebäude einbaute. Auf dem Gemälde ist es rechts im Hintergrund zu sehen.
Diese Geschichtsklitterung wird heute auf die Spitze getrieben: das Portal wurde dreidimensional gescannt und als Kopie in die Fassade der Schlosskopie eingebaut.
So entsteht hier eine künstliche Welt, fast ein barockes „Disneyland“. Die Chance auf einen wirklichen Neubeginn an diesem hochgradig symbolbeladenen Ort wurde vertan – zynisch gesagt: bis zum nächsten Abriss...