Dieses Gemälde zieht uns mit seiner suggestiven Perspektive und seinen extremen Hell-Dunkel-Kontrasten in den Bann. Es wirkt wie eine Traum- oder Albtraumvision. Orangerot, gelb und weiß leuchten die Gewänder der Figuren und die wenigen Möbel in dem langgestreckten dunklen Raum. Durch schachtartige Fenster fällt warmes Licht. "Russische Ostern" hat der Maler Franz Radziwill das 1920 entstandene Gemälde genannt. Doch was geht hier eigentlich vor?
Im Vordergrund drängen sich gesichtslose Gestalten, von denen nur die Vorderste angedeutete Gesichtszüge besitzt. Die Barttracht erinnert an traditionelle russische Bauerntypen. Links haben weiß gekleidete Männer an einer langen Tafel Platz genommen. Gespannte Erwartung liegt in der Luft.
Die düster-erwartungsvolle Atmosphäre des Bildes könnte tatsächlich auf das russisch-orthodoxe Osterfest hindeuten - wenn auch in expressiv verfremdeter Form. Traditionell wird die Nacht vor Ostern in Russland auf besondere Weise zelebriert: Schon am Abend versammeln sich festlich und oft weiß gekleidete Gläubige in den noch dunklen Kirchen, um gemeinsam auf das Wunder der Auferstehung Christi zu warten. Nach Einbruch der Dunkelheit traut sich kaum noch jemand vor die Tür, da man in jeder Katze und jedem Hund den Teufel zu erblicken glaubt. Erst am Ostermorgen geht die Zeit der Trauer und des Fastens mit dem feierlichen Ostergottesdienst zu Ende.
Radziwill war 1915 im Ersten Weltkrieg selbst in Russland im Einsatz gewesen. Vielleicht klingen dortige Erlebnisse in diesem Bild nach. Möglicherweise regten den Künstler dazu auch Werke Marc Chagalls an, der häufig russische Motive - wenn auch eher aus der jüdischen Kultur - aufgriff.