Solch ein Bild kann man nur im Frühling malen: Einen üppigen Strauß roter Tulpen hat sich Christian Rohlfs hier zum Motiv genommen. Als Bildträger wählte er Büttenpapier, das eine relativ raue Oberfläche besitzt - wie man gut erkennen kann. In einer Mischtechnik aus Aquarellfarben, Wassertempera und farbiger Kreide entstand auf dem Blatt eine sehr charakteristische Bildstruktur: Das weich verfließende Blau des Hintergrunds wechselt mit trockenen Partien, in denen das helle Büttenpapier mit seiner Struktur durchschimmert. Vielleicht treten Sie einmal einen Schritt zurück und kneifen die Augen zusammen - sehen Sie, wie die hellen Stellen im Bild plötzlich wie naturalistische Lichtreflexe wirken? Auf einmal gewinnt das Farbgefüge räumliche Plastizität, die einzelnen Blumen treten greifbar aus der Fläche hervor - wie lebendige, frisch in die Vase gestellte Tulpen. Je näher wir jedoch an das Blatt herantreten, desto stärker lösen sich die Formen in ein rhythmisches Gefüge von groben Farbflecken auf.
Dieses Zusammenspiel aus rhythmisiertem Farbauftrag und gegenständlicher Wirklichkeitsnähe ist charakteristisch für das reife Werk von Christian Rohlfs. Blumenstilleben gehörten neben Landschaften zu seinen Lieblingsmotiven, doch schuf er auch ausdrucksstarke Figurenbilder.
Der 1849 im Kreis Bad Segeberg geborene Maler gehört neben Emil Nolde, mit dem er befreundet war, zu den großen Künstlern Schleswig-Holsteins. Im Laufe seines langen Lebens - er starb 1938 im Alter von 89 Jahren - vollzog Rohlfs eine ungewöhnliche Stilentwicklung. Anfangs malte er naturalistisch, wandte sich dann dem Impressionismus zu und ließ sich um die Jahrhundertwende von der Malerei Vincent van Goghs beeinflussen.
Nun entwickelte Christian Rohlfs eine freie, großzügige Pinselschrift und wurde zu einem wichtigen Vertreter des Expressionismus. Rohlfs war überzeugt:
"Das Kunstschaffen geschieht aus innerstem Instinkt, und wer wollte es unternehmen, diesen zu erklären."