Sie schreiten am Ufer entlang: drei Damen in Weiß, eine Dame in Schwarz. Rot leuchtet der Sonnenschirm, mit dem die Schwarzgekleidete ihr Gesicht beschattet. Ob sie eine Gouvernante ist, die die jungen Mädchen auf ihrem Spaziergang begleitet? Das winzige, auf Pappe gemalte Ölbild von Gabriele Münter strahlt sonntägliche Ruhe und Gelassenheit aus. Mit kräftigen, entschiedenen Pinselstrichen hat die Malerin alle Gegenstände zu klaren Formen zusammengefasst. Der tiefblaue Fluss, der wolkenlose Himmel und der Hügelzug im Hintergrund sind als reine, flächige Farbzonen ins Bild gesetzt. Die Frauen mit ihren bodenlangen Kleidern wirken beinahe wie geschnitzte Spielfiguren.
Sehen Sie, dass die Gruppe der Spaziergängerinnen ein wenig aus der Mitte des Bildes nach rechts verschoben ist? Dadurch gelingt es Gabriele Münter, einen Eindruck langsam gleitender Bewegung hervorzurufen. Hier wird ihr ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus und Komposition deutlich. Als Münter das Bild um 1904 malte, war sie Mitte zwanzig und stand noch am Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn. Die 1877 in Berlin geborene Künstlerin hatte in München an der neu gegründeten, privaten Kunstschule "Phalanx" studiert, denn Frauen waren damals noch nicht zum Studium an einer öffentlichen Kunstakademie zugelassen. Einer ihrer Lehrer war der Russe Wassily Kandinsky, mit dem Münter bald eine intensive, aber konfliktreiche Partnerschaft verband. Von seinem Durchbruch zur abstrakten Malerei war Kandinsky damals noch weit entfernt: Er malte - wie Münter - Landschaften mit leuchtenden Farben und klaren Formen.
Ihr meisterhaftes, kleines Gemälde ist eines der frühesten Werke in der Sammlung der Kunsthalle Emden. Mit seinem klassischen Landschaftsmotiv steht es am Übergang zwischen der Kunst des 19. Jahrhunderts und der Moderne des 20. Jahrhunderts. Wie altertümlich die damals üblichen, bodenlangen Frauenkleider und ausladenden Hüte auf uns wirken! Malweise und Komposition jedoch weisen entschieden in die Moderne.
Nachlass der Künstlerin, 1962–1966 [1]; Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, 1966–1979 [2]; Kunsthandel Franz Resch, Gauting, 1979 [3]; Leonard Hutton Galleries, New York, ####–Februar 1979 [4]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Februar 1979–September 1986 [5]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [6]
[1]–[4] Besitz- und Jahresangaben, Angaben über Art des Besitzwechsels nach Informationen der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München (Korrespondenz mit Dr. Isabelle Jansen, 2022).
[5] Rechnung der Leonard Hutton Galleries, New York, vom 13.02.1979; interne Bestandslisten.
[6] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen, zu denen das Gemälde von Gabriele Münter zählte, von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.