Aufgewühlt, wild und dramatisch tritt uns die Natur hier gegenüber. Mächtig wogen die Büsche und Bäume im Sturmwind, der über die südliche Landschaft hinwegbraust. In der Ferne ist der tiefblauen Horizont des Meeres zu erahnen. “Paysage fauve” – wilde Landschaft hat André Lhote sein Gemälde genannt. Wo genau wir uns hier befinden, ist dabei nebensächlich, entscheidend ist die Kraft und Energie, mit der der Maler die Landschaft in eine künstlerische Vision verwandelt - und dabei fast bis an den Rand der Abstraktion vorstößt.
Die markant gesetzten, überall deutlich sichtbaren Pinselstriche verleihen dem Gemälde Plastizität und Dynamik. Das gesamte Bildgefüge scheint in einem wuchtigen Rhythmus zu pulsieren - fast wie ein lebendiger Organismus. Wie Hiebe setzt André Lhote seine Pinselstriche in parallelen Strichlagen auf den Bildträger, arbeitet geradezu holzschnittartig die voluminösen Formen heraus.
Hier wird spürbar, dass der 1885 in Bordeaux geborene Lhote seine Künstlerlaufbahn als Bildhauer begonnen hatte. Aber auch der Einfluss von Paul Cézanne und den frühkubistischen Werke Picassos wird in dem Gemälde deutlich: besonders in der rhythmischen Durchdringung aller Elemente der Komposition.
André Lhote war ein sehr einflussreicher Künstler, zumal er auch als Kunstkritiker, Theoretiker und Leiter einer Malschule hervortrat. 1912 gründete er mit Francis Picabia, Robert Delaunay, Juan Gris und anderen vom Kubismus geprägten Künstlern die Gruppe "Section d´Or" - zu deutsch: Der goldene Schnitt.
Dieser Name verweist auf den Anspruch der Künstler, Werke von hoher formaler Perfektion zu schaffen und die Gesetze der Harmonie und Ästhetik wissenschaftlich zu begründen. Denn der Begriff "goldener Schnitt" stammt ja aus der klassischen Kompositionslehre und bezeichnet ein ideales Proportionsverhältnis bei der Aufteilung einer Fläche oder Linie.
In diesem 1909 geschaffenen Gemälde wird das Zusammenspiel von bewusstem Formwillen und spontan-emotionaler Gestaltung sehr gut nachvollziehbar.
Nachlass André Lhote, 1962–#### [1]; Leonard Hutton Galleries, New York, ####– Dezember 1977 [2]; Privatsammlung Henri Nannen, Hamburg/Emden, Dezember 1977–08.11.1995 [3]; Eske Nannen, Emden, als Schenkung von Henri Nannen am 08.11.1995; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen, 08.11.1995, als Zustiftung von Eske Nannen [4]
[1]–[3] Die Angabe zum Nachlass des Künstlers findet sich auf einem undatierten Schreiben der Leonard Hutton Galleries; Rechnung der Leonard Hutton Galleries, New York, vom 20.12.1977.
[4] Schenkungsvertrag und notariell beglaubigte »Bestätigung des Vollzuges der Zustiftung« durch Eske Nannen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.