Wortlos und ernst blickt uns die schwarzhaarige Frau in die Augen: Auf ihren herben, nicht mehr ganz jungen Gesichtszügen liegt ein schwer zu deutender Ausdruck: Spiegelt sich darin eine stummer Vorwurf, eine Anklage? Oder ermahnen uns ihre fest geschlossenen Lippen einfach nur, leise zu sein, damit das in ihren Armen eingeschlummerte Kind nicht aufwacht? Würde und bittere Armut verbinden sich in dieser monolithischen Frauengestalt. Dass sie kein einfaches Schicksal zu tragen hat, begreifen wir unmittelbar. Ihre groben Füße sind barfuss und voller Schrunden, das einfache Kleid ist schwarz wie das einer Witwe. Es umschließt einen mächtig sich vorwölbenden Bauch: Bald wird die "Mutter von Norma", wie der Titel sie nennt, ihr nächstes Baby zur Welt bringen. Schützend legt sie den Arm um das schlaffende Kind, das sich unberührt von den Sorgen der Erwachsenen an ihre Brust schmiegt.
Dem Maler Josef Scharl gelang es in diesem Gemälde aus dem Jahr 1932, ein eindringliches, illusionsloses Bild sozialer Missstände zu geben. Er zitierte dabei die kunsthistorische Bildtradition der Madonna mit Kind. Vor allem aber hatte er ein berühmtes Vorbild der Moderne vor Augen: Vincent van Gogh. Dieser malte - vor allem in seinem Frühwerk - die einfache Landbevölkerung auf monumentale und wahrhaftige Weise - etwa in dem berühmten Gemälde "Die Kartoffelesser", das eine Bauernfamilie am Tisch zeigt.
Sehen Sie die kurzen, markanten Pinselstriche, die Josef Scharl in dichten, rhythmischen Lagen nebeneinandergesetzt hat? Mit ihnen arbeitet er wie mit dem Schnitzmesser die Körperformen - etwa an den Füßen - heraus. Auch darin spiegelt sich der Einfluss van Goghs.
Die Kunsthalle Emden gehört zu den wenigen Museen Deutschlands, wo sich das Schaffen Josef Scharls in seiner ganzen Vielfalt studieren lässt - auch wenn nicht immer alle Werke gezeigt werden können.
Nachlass des Künstlers, Alois Scharl, München/Nürnberg, ####–mindestens 11.01.1964 [1]; Galerie Nierendorf, Berlin, spätestens 28.04.1964–#### [2]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [3]; Sammlung Aloys Greither, Holzhausen/München, spätestens 26.09.1976–####, mindestens 30.01.1983 [4]; Kunsthandel Hagemeier, Frankfurt a. M., spätestens März 1987–April 1987 [5]; Bremer Landesbank, Bremen, April–Mai 1987 [6]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, als Schenkung durch die Bremer Landesbank, Mai 1987 [7]
[1] Das Bild wurde der Galerie Nierendorf, Berlin, 1964 für eine Scharl-Ausstellung (28.04.–16.06.1964) von Alois Scharl (Sohn Josef Scharls, Alleinerbe der vor 1939 entstandenen Gemälde Josef Scharls) zur Verfügung gestellt (Liste über ausgewählte Leihgaben an die Galerie Nierendorf, Nachlass Josef Scharl).
[2] Es ist bislang unbekannt, ob und wie lange das Gemälde in der Galerie Nierendorf verblieb.
[3] Bislang unbekannte Provenienz.
[4] Wie und wann das Gemälde in die Sammlung Aloys Greither (Bekannter Josef Scharls, Sammler, Autor über Josef Scharl, Freund der Familie Alois Scharl) überging, ist bislang unbekannt. 1976 stellte er das Gemälde für eine Ausstellung im Museum am Ostwall, Dortmund, (26.09.–31.10.1976) als Leihgabe zur Verfügung (Etikett, Gemälderückseite). Auch 1983 fungierte Greither für eine Ausstellung im Lenbachhaus, München (15.12.1982–30.01.1983) als Leihgeber (vgl. Ausst. Kat. Josef Scharl 1896–1954, hrsg. von Aloys Greither und Armin Zweite, München1982, S. 128).
[5] Korrespondenz mit Achim Hagemeier (2021): Der Kunsthandel Hagemeier kaufte das Gemälde direkt aus der Sammlung Aloys Greither an. Vermutlich erfolgte der Ankauf nach dem Tod Greithers (20.07.1986) aus dessen Nachlass. Das Gemälde wurde zum ersten Mal bei einer Scharl-Ausstellung im Kunsthandel Hagemeier 1987 präsentiert.
[6] Rechnung des Kunsthandel Hagemeier, Frankfurt am Main, vom 03.04.1987.
[7] Datumsangabe aus interner Sammlungsdatenbank; Versicherungsliste der Stiftung Henri Nannen von 1988.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.