Schon das große Format dieser rasch hingeworfenen Zeichnung beweist: Für Ernst Ludwig Kirchner und die anderen Künstler der "Brücke" war das Zeichnen keine anspruchslose Nebentätigkeit, sondern ein eigenständiges künstlerisches Medium. Unvoreingenommen, radikal und frei erkundeten sie die Ausdrucksmöglichkeiten dieser Technik. Gemeinsam trafen sie sich zum Aktzeichnen beim so genannten "Viertelstundenakt": Dabei ging es darum, innerhalb weniger Minuten das Wesentliche einer Figur zu erfassen. Bei diesem Blatt, das etwa zwischen 1908 und 1910 entstanden ist, griff Kirchner zu farbiger Kreide, um mit wenigen Strichen ein "Liegendes Paar" aufs Blatt zu setzen.
Katharina Henkel: "Wenn man genauer hinschaut, muss es sich um zwei Frauen handeln (...) möglicherweise in einer Landschaft, rechts könnte eine Art Baumstumpf angedeutet sein, die farbigen Flächen im Vordergrund könnten Strand sein oder eine Art Badelaken, (...) es ist aber letztendlich doch ziemlich offen, um welch eine Art von Ort es sich handelt."
Faszinierend sind der Rhythmus und die Ausdruckskraft der Zeichnung: Wenn Sie mit den Augen den Linien und Körperkonturen folgen, spüren Sie geradezu die Schnelligkeit der zeichnenden Hand. Die lebendige Unmittelbarkeit des Schaffensprozesses, die Kraft der schnell erfassten Kontur, die Spannung zwischen Fläche und Linie - all dies kommt in solch einer Zeichnung stärker noch als in einem ausgeführten Ölgemälde zum Ausdruck.
Da Arbeiten auf Papier sehr lichtempfindlich sind, können sie nicht dauerhaft ausgestellt werden. Es ist also immer wieder etwas Besonderes, ein Blatt wie dieses im Original zu erleben.
Nachlass des Künstlers, 15.06.1938–#### [1]; Privatsammlung, Deutschland, ####–#### [2]; Serge Sabarsky Gallery, New York, ####–Juni1979 [3]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Juni 1979–September 1986 [4]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [5]
[1] Nachlassstempel laut Auszug einer früheren Sammlungsdatenbank.
[2] Angabe aus dem Bestandskatalog der Kunsthalle Emden (2000).
[3] & [4] Rechnung der Serge Sabarsky Gallery vom 16.02.1972; interne Bestandslisten.
[5] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.