Mit einem warmen Zweiklang aus Naturtönen in Ockerbraun und Grün empfängt uns dieses Gemälde von Otto Mueller. Er gehörte wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein - zur Künstlergruppe "Brücke". Dr. Nils Ohlsen:
"Was mich besonders fasziniert an dem Bild von Otto Mueller ist eben die Zeitlosigkeit... hier sind im Grunde der Ort, die Zeit, die Individualität der Menschen völlig zurückgenommen. Ob das nun in einem Dschungel ist oder in einem deutschen Wald, ist überhaupt nicht auszumachen. Wir wissen auch nicht, wann es ist, ob es im 20. Jahrhundert oder in grauer Vorzeit sein soll. Er versucht hier einfach, eine ganz symbolhafte Synthese von Mensch in der Natur zu schaffen..."
Dr. Katharina Henkel:
"Das ist eines seiner favorisierten Themen: Der nackte Mensch in der Landschaft. Wobei wir hier nun eine Gruppe von vier Personen haben, es sind - an der Anatomie erkennbar - drei junge Frauen und ein junger Mann. Das Motiv erinnert so ein bisschen an das Urteil des Paris: Also drei Frauen, eine schöner als die andere, und der Mann muss sich nun für ein von den dreien entscheiden."
Vielleicht erinnern Sie sich an den antiken Mythos: Der Königssohn Paris sollte entscheiden, welche der drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite die schönste sei. Er entschied sich für Aphrodite, die Göttin der Liebe. Ob - hier im Bild von Otto Mueller - der schlaksige Jüngling sein Urteil schon gefällt hat? Vielleicht ist das sitzende Mädchen im Zentrum die Auserwählte: Schauen Sie einmal, wie verlegen sie den Kopf zur Seite neigt. Otto Muellers raue Malweise gibt der Szene eine besondere Ausstrahlung.
"Mueller hat mit sehr kurzen und auch heftigen Pinselstrichen eine sehr spröde Farbe auf den Bildträger gegeben und dabei wird auch sehr offensichtlich, dass es ein eher grobes Leinen ist, und die Leimfarbe hat eine sehr trockene und spröde Konsistenz..."
... ganz anders als die glänzende, in dünnen Lasuren aufgetragene Ölfarbe. So entstand ein Gemälde von eigenem Zauber: zart und spröde zugleich.
Henri Nannen, der Gründer der Kunsthalle Emden, entdeckte dieses bedeutende Gemälde Otto Muellers 1979 in einer Londoner Galerie. Mehr als vier Jahrzehnte zuvor hatte er es als junger Mann in der berüchtigten NS-Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" in München gesehen. Glücklich, das Werk unversehrt erhalten zu finden, erwarb Nannen das Bild. Was der Sammler nicht wissen konnte: Das um 1918/19 entstandene Gemälde stammte aus ehemals von den Nazis beschlagnahmtem jüdischen Besitz.
Der Anwalt und leidenschaftliche Kunstsammler Dr. Ismar Littmann hatte es in den Zwanziger oder frühen Dreißiger Jahren in Breslau erworben. Dort war er persönlich mit dem Maler Otto Mueller befreundet und baute eine der bedeutendsten Expressionismus-Sammlungen seiner Zeit auf. 1934 nahm sich Ismar Littmann auf Grund der zunehmenden Repressionen der Nationalsozialisten das Leben. Seine Witwe sah sich gezwungen, die Kunstsammlung zu veräußern - doch kurz bevor Otto Muellers Gemälde auf einer Auktion verkauft werden konnte, griff die Gestapo zu: Sie beschlagnahmte das Bild als "entartete Kunst". In der gleichnamigen Münchner Ausstellung hing es mit dem Besitzvermerk "Nationalgalerie Berlin".
Auf diese Umstände wurde die Kunsthalle Emden erst 1998, zwei Jahre nach Henri Nannens Tod, aufmerksam, nachdem das Schicksal der Sammlung Littmann öffentlich bekannt geworden war. Die Kunsthalle beschloss, das Gemälde Otto Muellers aus moralisch-ethischen Gründen an die letzte lebende Tochter Littmanns zurückzugeben, ungeachtet juristischer Aspekte. 1999 konnte das Bild mit Hilfe öffentlicher Stiftungen rechtmäßig für die Kunsthalle zurückerworben werden.