Wenn man dieses Gemälde anschaut, dann blickt es zurück - fast wie ein aktives, lebendiges Wesen. Überdimensionale Augen erscheinen im abstrakten Formengefüge des Bildes. Die Werke des deutschen Malers Ernst Wilhelm Nay oszillieren oft zwischen gegenständlichen Anklängen und reiner Abstraktion - und schaffen so eine Verbindung zwischen unserer Alltagserfahrung und der gegenstandslosen Welt. Ab 1963 malte der Künstler eine ganze Serie solcher "Augenbilder". Schauen wir uns das Werk etwas genauer an.
Große Farbscheiben schweben und tanzen schwerelos über die Bildfläche, sie umspielen und berühren einander. Das Tänzerische und Musikalische spielte in Nays Werk eine wichtige Rolle. Davon zeugt auch der Titel des Bildes - "Kanon". Wie bei einem musikalischen Kanon, wo die Melodie von verschiedenen Stimmen zeitlich versetzt wiederholt wird, komponierte Ernst Wilhelm Nay hier Formen und Farben. Seine Palette beschränkte er auf wenige Töne: ein helleres und ein dunkleres Blau, dazu feuriges Rot, Schwarz und Weiß. Das Formenrepertoire bestimmen klare Bildelemente wie die Kreisscheiben, die Nay in einem freien Rhythmus anordnete und variierte. So verlieh er dem Bild innere Ordnung und Struktur - und bewahrte sich zugleich improvisatorische Freiheit und Spontaneität.
Ernst Wilhelm Nay, 1902 geboren, war der erste abstrakte deutsche Maler, der nach dem Zweiten Weltkrieg international Anerkennung fand. Seine Werke wurzeln im Expressionismus. Der Künstler ließ sich durch Arbeiten Ernst Ludwig Kirchners und Edvard Munchs beeinflussen, bevor er sich in den Dreißiger und Vierziger Jahren mehr und mehr von der gegenständlichen Darstellung löste und seinen reifen Stil entwickelte.