Eine idyllische Sommeratmosphäre geht von diesem Gemälde mit dem Titel „Im Garten I (Der Besuch)“ von Oskar Kokoschka aus. Der volle, üppige Farbklang aus Rot, Grün und Blau lässt zusammen mit den dunkleren Nuancen den Eindruck eines schattigen Gartens entstehen, in dem das warme Sonnenlicht durch die Zweige glitzert. Das hellste Licht fällt auf die Gestalt des Mädchens mit dem Strohhut im Zentrum. Sie hebt ein kleines Kind im weißen Hemdchen spielerisch in die Höhe - und scheint sinnend für einen Moment innezuhalten. In ihrer jugendlichen und zugleich mütterlichen Gestalt klingt eines der größten Themen der abendländischen Kunstgeschichte an: die Darstellung der Madonna mit dem Kind.
Der 1886 in Niederösterreich geborene Oskar Kokoschka setzte sich im Jahr 1934, als dieses Gemälde entstand, intensiv mit der Mutter-Kind-Thematik auseinander. Vielleicht spielte dabei auch der Tod seiner eigenen Mutter kurz zuvor eine Rolle. Ruft man sich die Entstehungszeit des Gemäldes ins Bewusstsein, so überrascht die ungetrübt idyllische Ausstrahlung der Szene. Im Jahr zuvor hatten die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen. In Wien, wo Kokoschka lebte, tobten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen den Austrofaschisten unter Bundeskanzler Dollfuß und der linksgerichteten Arbeiterpartei. Kokoschka berichtet in seinen Lebenserinnerungen:
"Blutige Demonstrationen begannen. Dollfuß ließ Kanonen auffahren - das hatte man in Wien noch nicht erlebt. Von unserem Haus aus konnte man Wien überblicken, Häuser brennen sehen, Kanonendonner hören."
Bewusst setzte der Maler der gesellschaftspolitischen Lage mit diesem Bild einen künstlerischen Gegenentwurf entgegen: Es beschwört die unzerstörbare Utopie positiver Werte wie Mutterliebe, Jugend und Schönheit. Noch im selben Jahr verließ Kokoschka Wien und ging nach Prag und später nach England ins Exil.
Sammlung Karel Bretislav und Lida Palkovsky, Prag, 1935–#### [1]; Olda Kokoschka, Villeneuve, ####–spätestens 1982 [2]; Marlborough Fine Art Ltd., London, ####–Oktober 1982 [3]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Oktober 1982 [4]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [5]
[1] Angabe laut des Online-Werkkatalogs der Fondation Oskar Kokoschka (vgl. URL: oskar-kokoschka.ch/de/1020/1055/Im%20Garten%20I%20, zuletzt abgerufen am: 12.10.2022). Lida und K. B. Palkovsky waren die späteren Schwiegereltern Kokoschkas.
[2] Genaue Angaben zur Dauer des Besitzes des Gemäldes durch Olda Kokoschka sind bisher unbekannt. Im Mai 1941 heirateten Oldriska Aloisie Palkovsky (1915–2004) und Oskar Kokoschka in London. Ihr gemeinsames Haus in Villeneuve bezogen sie 1953 und lebten dort bis zu Oskar Kokoschkas Tod 1980 (vgl. Angabe der Fondation Oskar Kokoschka, URL: www.oskar-kokoschka.ch/de/1002/Kokoschka-und-die-Schweiz, zuletzt abgerufen am: 12.10.2022). Ob und wann Oskar und/oder Olga Kokoschka das Gemälde der Galerie Marlborough Fine Art Ltd., London, in Kommission gaben oder verkauften, ist unbekannt.
[3] & [4] Rechnung von Marlborough Fine Art Ltd., London, vom 04.10.1982; interne Bestandlisten.
[5] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen, zu denen das Gemälde von Oskar Kokoschka zählte, von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.