Dieses Blatt von A. R. Penck besitzt das Format eines Gemäldes, ist jedoch eine Druckgrafik. Das schon von den Brücke-Expressionisten geschätzte grafische Medium kam dem knappen Ausdrucksstil Pencks sehr entgegen: Denn es zwingt dazu, die Formensprache zu vereinfachen und die Farbigkeit auf wenige Töne zu beschränken. Penck kombinierte bei dieser 1985 entstandenen Radierung die flächige Aquatinta-Technik mit dem linearen Kaltnadel-Verfahren. Beide Techniken basieren auf einer speziell vorbereiteten, geätzten Kupferplatte. Für dieses Blatt waren mehrere Druckplatten notwendig: Eine für die roten Bildelemente, eine weitere Platte für die hellgrauen Partien und eine dritte für die dünnen Linien und Schraffuren. Zusammen bilden diese sich überlagernden Bildebenen ein vielschichtiges Zeichensystem.
Pencks Arbeit erinnert an eine prähistorische Höhlenzeichnung. Unten links schleicht ein Löwe durchs Bild, als handele es sich um eine archaische Jagdszene. Die stark vereinfachten Figuren lassen an ägyptische Hieroglyphen und afrikanische Schnitzkunst denken, aber auch an moderne Piktogramme und mathematische Formeln. Links von der Mitte, die Figur mit dem riesigen fünfeckigen Schädel etwa hat - wortwörtlich - nichts als Geometrie im Kopf. Links daneben gestikuliert eine kleine Gestalt, als wolle sie die danebenstehende, simple Gleichung A=A erklären. Offenkundig geht es in diesem Bild nicht zuletzt um den Versuch des Menschen, sich zu verständigen und mit Hilfe von Zeichen, Körpersprache und Bildern zu kommunizieren.
Der Titel "Ich im Westen" verweist auf eine biographische und politische Dimension. A. R. Penck war fünf Jahre bevor diese Grafik 1985 entstand, aus der DDR nach Westdeutschland übergesiedelt.
Seinen zeichenhaften "Grundwortschatz" an Bildelementen hatte er bereits seit den 60er Jahren entwickelt. Nun nutzte er diesen Fundus, um seine Erfahrungen in der Bundesrepublik zu reflektieren.