Als Christian Rohlfs dieses großformatige Blatt 1936 malte, war er bereits über 80 Jahre alt. Von der Terrasse der Villa Margot in Ascona blickte er über den Lago Maggiore auf die Berge am gegenüberliegenden Ufer. 1927 war Rohlfs auf Anraten seines Arztes das erste Mal nach Ascona gereist, von nun an verbrachte er hier jedes Jahr viele Monate. Die am Lago Maggiore entstandenen, späten Temperabilder gehören zu Rohlfs´ bedeutendsten Arbeiten. Dieses wunderbare Blatt zeigt, warum.
Nur vage umrissen und wie entmaterialisiert taucht die dunkle Bergkulisse aus dem atmosphärischen Farbfluss auf. Golden leuchtet der Abendhimmel - und ebenso golden glänzt die bewegte Oberfläche des Wassers. Gelb und Blau, die beiden dominierenden Töne des Bildes, treten in ein sensibles Zusammenspiel, antworten einander und steigern sich gegenseitig. Alles ist farbiges Leuchten, Stille und Konzentration.
Rohlfs hatte in vielen Jahrzehnten künstlerischen Experimentierens eine große Freiheit im Umgang mit dem Malmaterial und eine hohe handwerkliche Meisterschaft erlangt. Trotz des spontan wirkenden Pinselduktus entstand solch ein Blatt in einem langwierigen, mehrstufigen Arbeitsprozess. Rohlfs trug die wasserlösliche Temperafarbe, die er meist selbst aus reinen Pigmenten herstellte, mit breitem Pinsel auf das schwere Büttenpapier auf. Dann hielt er das Blatt oft unter den Wasserstrahl einer Handbrause, wusch die Farbe an einzelnen Stellen wieder aus - und bearbeitete das Blatt danach auf der Staffelei weiter. Wie Sie hier vor allem in der unteren Hälfte beobachten können, lief die feuchte Farbe dabei stellenweise in Schlieren herab.
So entstand in vielen Arbeitsgängen eine außerordentlich lebendige, vibrierende Farbstruktur.
1937, ein Jahr nach der Entstehung dieses Bildes, wurde der hochbetagte Rohlfs von den Nationalsozialisten als entartet verfehmt und aus der Akademie ausgeschlossen.