Reines Gelb - Kornblumenblau - duftiges Weiß - sattes Grün: In den sommerlichen Farben dieses Gemälde von Maurice Wyckaert kann man geradezu baden. Wenn man die Augen über die wogenden Farbflächen des Bildes schweifen lässt, stellen sich unwillkürlich Assoziationen an blühende Gärten ein.
Dabei hat der Künstler, wenn man das Werk genau betrachtet, kaum mehr als vage Andeutungen auf florale Blatt-, Stengel- und Blütenformen ins Bild gesetzt. Wer wollte sagen, ob es sich bei den wolkigen weißen und blauen Gebilden um Blüten handelt? Sie wecken auch die Vorstellung von Schönwetterwolken und blauem Himmel. Gegenständliche Anklänge und abstrakte Elemente halten sich in dieser schwingenden Farblandschaft die Waage: Dem Belgier Maurice Wyckaert gelingt es, die Natur in reine Malerei zu verwandeln - und mit den Mitteln der gegenstandslosen Kunst Erinnerungen an Naturerlebnisse in uns wachzurufen.
Auch die Poesie hat Wyckaert zu diesem 1975 entstandenen Gemälde inspiriert: Der Titel "En lisant Hölderlin" - "Hölderlin lesend" weist darauf hin. Der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin, ein Zeitgenosse Goethes, schuf mit seinen Elegien und Oden eine schwärmerische, ideal gestimmte Lyrik in freien Rhythmen. Hölderlins Gedicht "Der Sommer" etwa beschwört auf intensive und assoziationsreiche Weise Naturerfahrungen und löst sich dabei in dichterischer Freiheit von der beschreibenden Darstellung konkreter Wirklichkeit. Darin ähnelt es Wyckaerts Gemälde. Möchten sie das Gedicht hören? Dann drücken Sie nun die grüne Taste.
Der Sommer
Wenn dann vorbei des Frühlings Blüte schwindet,
So ist der Sommer da, der um das Jahr sich windet.
Und wie der Bach das Tal hinuntergleitet,
So ist der Berge Pracht darum verbreitet.
Daß sich das Feld mit Pracht am meisten zeiget,
Ist, wie der Tag, der sich zum Abend neiget;
Wie so das Jahr verweilt, so sind des Sommers Stunden
Und Bilder der Natur dem Menschen oft verschwunden."