Zwei Katzen beherrschen die Szenerie dieses 1922 gemalten Bildes von Franz Radziwill: Reglos sitzt die weiße da und späht hinaus ins Freie. Hinter ihr schleicht die schwarzgetigerte Gefährtin auf Samtpfoten über die Holzbohlen und wendet ihren Kopf ebenfalls nach rechts. Ihr langgestreckter Rücken und der wie ein Pfeil hinaus in die Landschaft weisende Schwanz lenken auch unseren Blick in die rechte Hälfte des Bildes. Dort öffnet sich eine stark stilisierte Küstenlandschaft in schwingenden Bögen in die Tiefe.
Scharfe Farb- und Formkontraste prägen die zweigeteilte Komposition dieses Bildes. Auch inhaltlich ist es von Gegensätzen bestimmt: Außen und Innen treten hier in ein ambivalentes, spannungsvolles Verhältnis. Der 27jährige Maler Franz Radziwill bringt dabei zwei Themen zusammen, die auch sein späteres Schaffen dominieren werden: die Landschaft und das Stillleben im Interieur. Auf der linken Seite des Gemäldes deuten in die Tiefe fluchtende Dielen und ein großer Tonkrug eine Innenraumsituation an. Doch die Wände öffnen sich ruinenartig zum Umraum und geben - hinten - den Blick auf einen schwarzen Nachthimmel frei. In der rechten Bildhälfte hingegen leuchtet der Himmel in Gelborange, als sei die Sonne noch gar nicht untergegangen.
Rätselhaft und unheimlich wirkt auch der Feuerball des Mondes, der uns wie ein rotglühendes Auge aus dem Hintergrund entgegenleuchtet. Solche eigenartigen Himmelskörper begegnen einem in Radziwills späterem Oeuvre ab den 30er und 40er Jahren immer wieder. Der Himmel und die Gestirne übten große Faszination auf den Maler aus. Vieles schwingt darin mit: Die Urkraft des Mondes, der die Gezeiten an der Nordsee steuert;
die lebenspendende Energie der Sonne - und letztlich die Präsenz einer übersinnlich-spirituellen Kraft, die über unsere alltägliche Erfahrungswelt hinausgeht.