
KÜNSTLER
Franz Marc (1880 München – 1916 Verdun, Frankreich)
TITEL
Die blauen Fohlen
DATIERUNG
1913
MATERIAL & TECHNIK
Öl auf Leinwand
Können Pferde blau sein? Ja, behauptet dieses Gemälde von Franz Marc aus dem Jahr 1913.
Dr. Nils Ohlsen: "Franz Marc ist kein herkömmlicher Tiermaler, der jetzt braune Pferde auf einer grünen Wiese malt, sondern er scheint etwas anderes darstellen zu wollen, nämlich so eine innere Sicht auf ein Tier... eine geistige Ebene spielt hier eine viel größere Rolle. Die Anatomie, die Landschaft drumherum, die Größenverhältnisse, das alles ist ihm unwichtig. Sondern er schafft eine Art Klang, eine Art innere Wahrnehmung eines Tieres. Wir wissen von Franz Marc, dass er immer wieder versucht hat, die Welt quasi durch die Augen eines Tieres, also eines rein natürlichen Wesens, zu sehen, was nicht durch Kultur und Politik und so weiter geprägt ist, was für ihn den reinen Ausdruck des Lebens transportiert hat. Und da ist das Pferd für ihn sozusagen das Medium."
Aber warum gerade blau? In einem Brief an den befreundeten Maler August Macke schrieb Franz Marc:
"Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig, Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter, sinnlich, Rot die Materie, brutal und schwer..."
Auch der mit Marc befreundete Wassily Kandinsky beschäftigte sich intensiv mit der symbolischen Bedeutung und den Ausdrucksqualitäten der Farbe. In seinem Buch "Über das Geistige in der Kunst" schrieb er 1911:
"Die Farbe ist die Taste. Das Auge der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste die menschliche Seele in Vibration bringt."
Blau war auch für Kandinsky die Farbe des Geistigen, des Unendlichen, Reinen und Übersinnlichen. Als er mit Franz Marc, August Macke, Gabriele Münter und anderen in München 1911 eine Künstlergemeinschaft gründete, gaben sie sich den Namen "Der blaue Reiter".
Innerhalb der Kunsthalle Emden hat das Gemälde "Die blauen Fohlen" einen besonderen Stellenwert: Es war das Lieblingsbild von Henri Nannen.
Sammlung Herwarth Walden, Berlin, August 1913–#### [1]; Joanna Marie Tak van Poortvliet, Domburg-Seeland, NL/Dornach, CH, ####–1936 [2]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [3]; Sotheby’s London, April 1972 [4]; Galerie Aenne Abels, Köln, April 1972–#### [5]; Privatsammlung, USA, ####–#### [6]; Sammlung Rheingarten, München, ####–1978/79 [7]; Galerie Gunzenhauser, München, 1978/79 [8]; Galerie Thomas Levy, Hamburg, Februar und März 1979 [9]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, März 1979–September 1986 [10]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober1986 [11]
[1] Die Angaben entstammen dem Werkverzeichnis (Annegret Hoberg, Isabelle Jansen: Franz Mark, Werkverzeichnis Gemälde, München 2004, S. 226, Nr. 198). Im Merkbuch von Franz Marc findet sich als Nummer 110 der Eintrag: »Blaue Fohlen (Hochform) / an Walden geschickt / 4. Aug. 13 / Walden geschenkt« (vgl. Schmidt, Frank (Hg.): Franz Marc, Henri Nannen und die Blauen Fohlen, Emden 2013, S. 45, Fußnote 1); das Merkbuch befindet sich im Franz Marc Museum in Kochel.
[2] Die Angabe entstammt dem Werkverzeichnis Hoberg/Jansen 2004, S. 226, Nr. 198. Im Werkverzeichnis als Marie Tak van Portvliet angegeben. Am Biografie-Institut der Universität Groningen (NL) wurde ein Forschungsprojekt zu van Poortvliet initiiert, in dem auch die Kunstsammlung der 1936 verstorbenen Sammlerin näher untersucht werden soll. Das Gemälde befand sich 1936 noch in der Sammlung van Portvliets (vgl. Werkverzeichnis Schardt 1936, Nr. I. 1913–1, S. 163). Wem das Gemälde nach Joana Marie van Poortvliets Tod und vor 1972 gehörte, ist bislang unbekannt.
[3] Bislang unbekannte Provenienz.
[4] Aukt.–Kat. Sotheby’s April 1972, No. 42, col. ill. S. 92.; vgl. das Werkverzeichnis Hoberg/Jansen 2004, S. 226, Nr. 198.
[5]–[7] Die Angaben entstammen dem Werkverzeichnis Hoberg/Jansen 2004, S. 226, Nr. 198.
[8] 1978 war das Gemälde in einer Ausstellung in der Galerie Gunzenhauser zu sehen (Ausst.-Kat. Aus den Beständen 1978, Katalog 2, S. 3 mit Farbabb.). Das Gemälde sich befand laut einer Korrespondenz zwischen Henri Nannen und Alfred Gunzenhauser vom 19. März 1979 in Kommission bei Gunzenhauser.
[9] 1979 war das Gemälde in einer Ausstellung der Galerie Levy zu sehen (Ausst.-Kat. Deutsche Kunst 1979, Nr. 168, Farbabb.). Das Gemälde war nicht im Besitz der Galerie Levy, sondern es handelte sich dabei um eine Zwischenstation in der Vermittlung von der Sammlung Rheingarten in den Henri Nannen Kunsthandel.
[10] Rechnung über Vermittlung durch Galerie Levy vom 19. März 1979, Korrespondenz zwischen Henri Nannen und Thomas Levy (März/April 1979), sonstige Korrespondenz zum Erwerb des Gemäldes aus der Sammlung Rheingarten, München, vermittelt durch die Galerie Gunzenhauser, München, und die Galerie Thomas Levy, Hamburg.
[11] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.
Lost Art-Datenbank: Fundmeldung, Lost Art-ID615370
"Der blaue Reiter" war keine feste Künstlergruppe. Die treibende Kraft dahinter bildeten die befreundeten Maler Franz Marc und Wassily Kandinsky: Sie planten 1911, in München gemeinsam einen Kunstalmanach herauszugeben, also eine bebilderte Publikation, in der sie ihre Kunstauffassung darlegen wollten. Sie verstanden sich als Sammelpunkt für verschiedene avantgardistische Bestrebungen in Europa. August Macke, Gabriele Münter, Marianne Werefkin, Alexej Jawlensky und Paul Klee standen dem Redaktionsteam nahe. Über die Namensfindung äußerte Kandinsky später:
„Den Namen ‚Der Blaue Reiter‘ erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc - Pferde, ich - Reiter. So kam der Name von selbst.“
Unter dem Namen "Der blaue Reiter" veranstalteten Marc und Kandinsky 1911 und 1912 auch zwei Ausstellungen in München. Charakteristisch für die Künstler aus dem Umkreis des "Blauen Reiter" war ihr Streben nach dem "Geistigen in der Kunst". Nicht die bloße Wiedergabe der Realität, sondern der "innere Klang" eines Bildes und das innere Erleben des Künstlers waren für sie entscheidend. Ihre Werke zeichnen sich durch strahlende, reine Farben und abstrahierende Tendenzen aus. Wassily Kandinsky vollzog jedoch als einziger unter ihnen den radikalen Schritt in die Gegenstandslosigkeit.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 beendete die Aktivitäten des Blauen Reiter: Kandinsky, Jawlensky und Werefkin mussten als russische Staatsbürger Deutschland verlassen. Marc und Macke kamen im Kriegseinsatz ums Leben.