Als der 100. Geburtstag des Malers Franz Radziwill 1995 gefeiert wurde, wählte die Deutsche Post dieses bedeutende Gemälde von 1932 als Briefmarkenmotiv. In allen Regenbogenfarben schillern die Häuser, Mauern und Dächer dieser Stadtansicht - Giftgrün und Gelb, Orange und Rot bis hin zu tiefem Violett und Blau. Ein gepflasterter Weg führt uns vom Vordergrund auf die Stadtmauer zu. Doch einen Durchgang gibt es nicht. Vorne vor der hell angestrahlten Mauer arbeiten zwei Männer in den parzellenartig abgeteilten Beeten. Hinten dagegen scheint sich bereits die Nacht über die Häuser herabzusenken. Ein mächtiger Wasserturm ragt - finster und drohend wie eine abschussbereite Rakete - in den nachtblauen Himmel. Lena Nievers:
"(...) wenn man diese Zweiteilung mit dem dunklen Himmel und den dunklen Gebäuden im Hintergrund und der freundlich hellen, begrünten Fläche vorne sieht, könnte man ja vorschnell interpretieren, die Natur (...) ist das Idyllische, das Gute, und die Stadt dahinter ist eng und kalt und unbelebt. Und dann gibt es ein kleines Detail - und das ist dieser Wasserhahn im Vordergrund. Und wenn man den gesehen hat, dann gibt es plötzlich eine Verbindung: Dass nämlich der Wasserturm - der ja auch ein technisches Meisterwerk ist, wenn man sich das überlegt - das Wasser spendet für das zarte Grün da draußen."
Den hier dargestellten "Wasserturm in Bremen" gab es wirklich: Er wurde 1905 errichtet, fasste 3000 Kubikmeter Wasser und war zeitweise der größte Wasserturm Europas. Die Häuser davor hingegen entspringen der Phantasie des Künstlers.
So kann man sich bei Radziwills detailscharfen, scheinbar wirklichkeitsgetreuen Gemälden nie sicher sein, wo genau die Grenze zwischen Realität und Imagination verläuft. Auch das trägt zur faszinierenden Ambivalenz seiner Werke bei.