Dieses Gemälde von Arthur Segal versetzt uns auf eine Rednertribüne - vor eine vieltausendköpfige, gesichtslose Menschenmenge, die sich bis zur fernen Baumkulisse erstreckt. Der Redner hat bereits das Wort ergriffen. Auch er ist nicht als Individuum gekennzeichnet, sondern nur grob umrissen. Doch achten Sie einmal darauf, wie ausdrucksvoll der Künstler die Körpersprache dieses Anzugträgers wiedergegeben hat: Aus seiner geballten linken Faust und der leicht nach vorn geneigten Haltung des Oberkörpers spricht die emotionale Anspannung eines Redners, der sein Publikum agitatorisch mitzureißen versteht. Die suggestive Macht seiner Worte scheint sich auch in dem roten Keil der Rednertribüne zu verkörpern. Sie stößt - zu einer spitzen, geometrischen Form vereinfacht - geradezu aggressiv ins Publikum vor. Die Farbe Rot deutet zugleich darauf hin, dass dieser Agitator die Position der politischen Linken vertritt - und vermutlich zu einem Heer von Proletariern spricht.
Arthur Segal war selbst überzeugter Sozialist. In diesem 1912 entstandenen Bild fing er die aufgeheizte politische Stimmung im deutschen Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg ein. Möglicherweise regte ihn dazu eine Berliner Maikundgebung an, an der jedes Jahr viele tausend Arbeiter teilnahmen - obwohl ihnen Repressionen drohten, wenn sie an diesem Werktag nicht zur Arbeit erschienen.
Der aus Rumänien stammende Arthur Segal war 1892 zum Kunststudium nach Berlin gekommen. Zusammen mit expressionistischen Künstlern wie Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner beteiligte er sich an den Ausstellungen der Neuen Secession und gehörte zum Umkreis der Sturm-Galerie von Herwarth Walden. Ab 1914 entwickelte er einen prismatischen Malstil, der alle Bildgegenstände einem strengen Rechteckraster unterwarf. Damit wurde er international bekannt.
Bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [1]; Besitz Marianne Segal, ####–spätestens 1977 [2]; Fischer Fine Art Limited, London, ####–Dezember 1977 [3]; Privatsammlung Henri Nannen, Hamburg/Emden, Dezember 1977–08.11.1995 [4]; Eske Nannen, Emden, als Schenkung von Henri Nannen am 08.11.1995; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen, als Zustiftung von Eske Nannen, 08.11.1995 [5]
[1] & [2] Wann das Werk in den Besitz Marianne Segals, der Tochter von Arthur Segal, gelangte, ist bisher unbekannt. Ebenso, ob es direkt von Arthur Segal an seine Marianne Segal gelangte oder ob aus anderer Provenienz. war, die es bei Fischer Fine Art Limited in London zum Verkauf gab, erscheint es folgerichtig, dass das Werk noch Besitz Arthur Segals oder bereits von Marianne Segal war, als die Familie Segal nach London emigrierte.
[3] & [4] Rechnung von Fischer Fine Art Limited, London, vom 7.12.1977.
[5] Schenkungsvertrag und notariell beglaubigte »Bestätigung des Vollzuges der Zustiftung« durch Eske Nannen; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.