Grau in grau lastet der Himmel wie Blei über der Landschaft: Fast zwei Drittel des Bildes nimmt die düster changierende Farbfläche ein. Darunter spannt sich quer durch das Bild eine stählerne Brücke. Sie versperrt uns den Blick wie eine unüberwindbare Mauer. Diese Brücke lädt nicht zum Hinübergehen ein, sie schafft keine Verbindung, sondern erinnert eher an eine Gefängnismauer oder an ein abgestürztes Flugzeugwrack. - Wirkt sie nicht überhaupt viel zu groß dimensioniert für den schmalen Kanal, den sie überspannt? Es könnte eine Drehbrücke sein, die am tiefsten Punkt über dem Kanal aufliegt und zur Seite gedreht werden kann, um Schiffe passieren zu lassen.
Den Künstler Franz Radziwill faszinierten solche Meisterwerke der modernen Ingenieurstechnik jede Schweißnaht hat er exakt wiedergegeben. Viele seiner Bilder zeigen Flugzeuge oder gigantische Schiffe. Der Maler stellte sie stets so dar, dass sie im Betrachter ein Unbehagen wachrufen, ja bedrohlich wirken. So auch hier. Ganz rechts im Bild ragt ein hohes Brückenwärter-Häuschen wie ein düsterer Wachturm auf. Kein Mensch ist zu sehen.
Auch die Siedlung dahinter mit ihren eng aneinander gerückten Häusern wirkt wie ausgestorben. Eine gespenstische Szenerie.
Sie wirkt umso faszinierender, als Radziwill sie in einer ausgefeilten, feinen Maltechnik naturalistisch wiedergegeben hat, die geradezu altmeisterlich wirkt und an die holländischen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts erinnert.
Diesen realistischen Malstil entwickelte Radziwill ab Mitte der 20er Jahre, nachdem er zuvor expressiv gemalt hatte. Wie kam es zu diesem Stilwandel? Für vertiefende Informationen drücken Sie bitte die Fragezeichentaste.
O-Ton Dr. Katharina Henkel:
"Da war auslösend für ihn eigentlich eine Reise 1924 in die Niederlande. Er war in Amsterdam und in Den Haag und hat dort auch die Museen besucht, mit den Kunstsammlungen, hat dort die alten Meister (...) das erste Mal wirklich studiert, also die Niederländer (...). Und das war so ein richtiges Schlüsselerlebnis. Dann kam hinzu, dass er den Maler Lau kennengelernt, einen Niederländer, der in Schoorl gelebt hat, den er auch dann regelmäßig viele Jahre besucht hat, der ihn auch sehr darin ermutigt hat, diese neue Inspirationsquellen für sich nutzbar quasi zu machen, also umzusetzen in seine Malerei. Ich denke, er stand schon an so einer Schwelle (...), dass er eigentlich nicht mehr so richtig glücklich war, mit dem, was er gemacht hat, er war in so einer Umbruchstimmung und dann kam dieser Auslöser, der dann eigentlich diese richtige Richtung gegeben hat."