Das Thema, mit dem sich die Künstlerin Pia Linz hier beschäftigt, wird in einer Anekdote des Romantik-Malers Ludwig Richter schön veranschaulicht: Als junger Mann setzte Richter sich gemeinsam mit drei anderen Künstlern in die Landschaft bei Tivoli in Italien. Die vier nahmen sich vor, ein- und denselben Ausschnitt dieser Landschaft in absoluter Naturtreue wiederzugeben. Als sie die vier Blätter schließlich betrachteten, mussten sie feststellen, dass jeder das Gleiche und doch etwas völlig Anderes gezeichnet hatte. Auch wenn es hier nicht Italien, sondern die Schillerpromenade mit dem Herrfurthplatz in Berlin-Neukölln ist, die Pia Linz gezeichnet hat, so bewegt auch sie die Beobachtung, dass jeder Mensch am selben Ort etwas anderes sieht.
Die Künstlerin stellt sich diesem Problem auf eine vollkommen neue Weise, indem sie erst gar nicht versucht, die Subjektivität des Sehens auszuschalten, sondern sie explizit in den Vordergrund stellt. Ihre Bleistiftzeichnungen entstehen vor Ort, und zwar in einem Prozess, der sich über Monate erstreckt. Sie zeichnet die Bäume, Hausfassaden und Straßenlaternen so, wie sie sie im jeweiligen Moment wahrnimmt. Deshalb hat das Werk keine einheitliche Perspektive; die je nach Standpunkt unterschiedlichen Blickwinkel stehen nebeneinander, so dass sich die Zeichnung aus unzähligen Einzelansichten zusammensetzt. Besonders deutlich ist dies bei der Darstellung der neugotischen Genezarethkirche, die sich in der Mitte des Herrfurthplatzes befindet und die auch das Zentrum der Zeichnung bildet.
Neben der bildlichen gibt es eine textliche Ebene: Was der Zeichnerin ins Auge springt, aber zu klein ist, um dargestellt zu werden, wird als Anmerkung in das Bild geschrieben: Da heißt es „verfaulte Bananenschale“ oder, wenn man es nur hören, aber nicht sehen und somit auch nicht darstellen kann – „Dackel bellt in Kirche“. Bei aller Vielfalt stößt Pia Linz den Betrachter am Ende mit der Nase darauf: Zeichnen heißt Auswählen.