Ein trüber Wintertag: Grau in grau hängt der Himmel über dem Meer. Nur die beiden an Land gezogenen Boote leuchten in klarem Rot und Blau. Die beiden geschwungenen Bootsrümpfe lenken unseren Blick wie markante Pfeile in die Tiefe des Bildes und in sanftem Schwung nach oben, wo sich am Himmel eine diffuse Helligkeit ausbreitet. Das Zusammenspiel von Motiv und Komposition lässt eine kontemplative Stimmung entstehen, ein Gefühl von Weite und Transzendenz, das über die bloße Realität hinausweist. Die romantischen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts haben oft eine ähnlich meditative Stimmung heraufbeschworen, etwa Caspar David Friedrich in seinem berühmten Gemälde "Der Mönch am Meer". Katharina Henkel:
"Radziwill war ja in Dresden, also er hatte die Möglichkeit dort die Malerei des 19. Jahrhunderts intensiv zu studieren, und wir wissen auch aus Briefen an seinen Mäzen und Freund Wilhelm Niemeyer, dass er sich intensiv mit Caspar David Friedrich und Carus auseinandergesetzt hat. Dass er sich mit deren Behandlung des Lichtes in den Gemälden und mit der spirituellen, geistigen Aufladung des Lichtes auch befasst hat."
Doch Radziwill war ein Maler der Moderne: Bei ihm ist die Sehnsucht nach dem Unendlichen nicht ohne Irritationen, Brüche und Ambivalenzen zu haben. Auch in diesem Bild hat er eine perspektivische Irritation, ein unsere Wahrnehmung verunsicherndes Element eingebaut: Ist Ihnen links das winzige Boot aufgefallen? Es liegt auf derselben horizontalen Linie wie die beiden großen Boote im Zentrum - und befindet sich doch viel weiter entfernt.
Erst wenn wir mit den Augen den sich verkürzenden Holzpflöcken in die Tiefe folgen, können wir dies nachvollziehen.