"Junge Dänin" hat Emil Nolde dieses Blatt genannt. Aber würde man die junge Frau nicht viel eher für eine Südseeinsulanerin, für die Angehörige eines Indianerstamms oder zumindest für eine Asiatin halten? Fast ein wenig unheimlich wirkt das maskenhafte Gesicht mit den schmalen Augen, das unvermittelt aus dem dunklen Bildgrund auftaucht - als sei es ein Traumbild, ein uraltes Heiligenbild oder eine dämonenhafte Erscheinung.
Sehr deutlich ist hier zu erkennen, das Emil Nolde sich stark von der Kunst der so genannten "Primitiven", der Naturvölker Afrikas und Ozeaniens, faszinieren ließ - ebenso wie Ernst Ludwig Kirchner und andere Mitglieder der Künstlergemeinschaft "Brücke", zu der auch Nolde einige Zeit gehörte. Die ausdrucksstarken Masken und Schnitzfiguren der "Primitiven" studierten die Künstler im Berliner Völkerkundemuseum und setzten ihren Eindruck dann unmittelbar in ihren eigenen Arbeiten um.
Das großformatige Blatt ist übrigens eine Farblithographie: Das heißt, Emil Nolde hat eine spezielle Tusche mit dem Pinsel zunächst direkt auf den Lithostein aufgetragen. Dabei war für jeden Farbton ein eigener Druckstein notwendig: die Technik zwang den Künstler also zur koloristischen Beschränkung. Doch mehr als drei Töne benötige Nolde für seine Komposition auch gar nicht: Den Hintergrund tauchte er in sattes Schwarz, das auch bei den Schatten, der Kinnkontur und den Augenbrauen zum Einsatz kam. Tiefrot leuchten das volle Haar, die Lippen und die Augen, während gedecktes Gelb den Hautpartien Leben verleiht. Emil Nolde war ein Meister darin, alles Unwichtige wegzulassen.
Der Künstler kam 1867 als Sohn des Bauern Nils Hansen in der Nähe von Tondern im deutsch-dänischen Grenzland zur Welt. Später benannte er sich nach seinem Geburtsort, dem Dorf Nolde. Nach einer Ausbildung zum Holzschnitzer arbeitete er als Zeichenlehrer und studierte um die Jahrhundertwende Malerei in München, Dachau und Paris. Später schloss er sich vorübergehend der Künstlergemeinschaft "Brücke" an und wurde 1909 Mitglied der Berliner Secession. Doch im Grund blieb Nolde stets ein Einzelgänger, der gerne zurückgezogen auf dem Land lebte: Bis 1915 verbrachte er die Sommermonate mit seiner Frau Ada stets auf der Insel Alsen, den Winter jedoch häufig in der Großstadt Berlin. Später ließ er sich in Utenwarf bei Tondern nieder, und erfüllte sich 1926 einen Traum: Er ließ sich nach eigenen Entwürfen sein einsam gelegenes Haus Seebüll errichten, inmitten eines Blumen bestandenen Gartens, den er selbst anlegte und sehr liebte. In der NS-Zeit verfehmt und mit Malverbot belegt, arbeitete Nolde heimlich weiter: Nun entstanden von 1938 bis 1945 seine so genannten "ungemalten Bilder" - zahlreiche kleinformatige Aquarelle von großer Ausdruckskraft und Farbintensität. 1956 starb Emil Nolde in seinem Haus in Seebüll. Es ist heute als Museum zu besichtigen.