Franz Radziwill malte dieses Stillleben 1933. Von den politischen Umwälzungen, die Deutschland mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten damals erlebte, scheint in dem Werk jedoch nichts spürbar: Es grenzt die Außenwelt aus und konzentriert sich ganz auf den unmittelbaren Nahbereich. Lena Nievers:
"Das karierte Handtuch" ist ein äußerst karges Bild, auch ein Bild, wo man eigentlich auf den ersten Blick denkt, es erschließt sich ganz schnell. Da ist das Handtuch, was an einer grob verputzten Wand hängt, die auch schon mal bessere Tage gesehen hat. Dann sieht man angeschnitten vom rechten Bildrand einen kleinen Schrank und unter dem Handtuch ein niedriges Tischchen. (...) weiter ab 1:30 Man denkt, (...) es gibt nur diese vier Elemente: Das Handtuch, den Tisch, den Schrank und die Wand - und wenn man dann genauer hinsieht, dann bleiben eigentlich nur noch Fragen. Das fängt damit an, dass so, wie der Bildausschnitt gewählt ist, eigentlich keiner dieser Gegenstände einen festen Halt im Raum hat. Denn man sieht den Boden nicht, man sieht aber auch den Haken nicht, an dem das Handtuch hängt."
Das kleine Tischchen wirkt zwar durch den schräg auf die Wand fallenden Schlagschatten sehr plastisch - doch ihm fehlen die hinteren Beine...
(...) und der Schrank wirkt (...) eigentlich ganz flach, der scheint kaum mehr Tiefenausdehnung zu haben als das Handtuch. Das heißt, in diesem scheinbar so einfachen Bild ist der Raum völlig verunklärt."
So erlebt man - wenn man sich auf die Einladung dieses Gemäldes zur Betrachtung der einfachen Dinge einlässt - ein tiefes Gefühl der Verunsicherung. Radziwill selbst meinte:
"Je aufmerksamer das Auge wird, um so veränderlicher, hintergründiger erscheint uns die Wirklichkeit. Wir blicken auf eine Mauer: die anfangs ziemlich glatte, ziemlich uninteressante Mörtelwand zeigt plötzlich geheimnisvolle Zeichen und Strukturen."*
* zit. nach Kat. Radziwill, Ausst. Berlin 1981, S. 157