Diese Arbeit von Henning Lohner und Van Carlson könnte man fast für eine Fotografie halten. Die wie ein klassisches Gemälde gerahmte Bildkomposition bleibt stets die gleiche - und doch verändert sie sich in jedem Moment: Es ist ein Video, das ununterbrochen als Loop durchläuft. Taucht da nicht ein Mensch hinter den Fensterscheiben auf? Wandeln sich die Spiegelungen auf der Hochhausfassade oder täuscht dieser Eindruck nur? Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit und schauen Sie genauer hin, während ich Ihnen mehr darüber erzähle.
Der 1961 geborene Henning Lohner stammt aus Bremen, wuchs in Kalifornien auf und ist eigentlich Filmkomponist. Er ist der "Kopf" des Künstlerduos und entwickelt die Ideen und Konzepte, während der Hollywood-Kameramann Van Carlson als ausführende "Hand" die technisch perfekte Umsetzung übernimmt.
Hier blicken wir auf die Hochhausfassade eines Gebäudes an der Canary Wharf in den Docklands von London, wo seit den 90er Jahren auf einem ehemaligen Hafengelände ein hochmodernes Büroviertel entstanden ist. Zehntausende von Menschen arbeiten hier. Wir bleiben außen vor. Doch die aus Kinofilmen vertraute voyeuristische Neugier, die der Fensterblick im Betrachter weckt, bleibt unbefriedigt. Geheime Verbrechen oder erotische Abenteuer sind hinter diesen getönten Scheiben nicht zu entdecken. Stattdessen lenkt der präzise gewählte Bildausschnitt unsere Aufmerksamkeit auf die abstrakt-geometrische Struktur der Architektur. Mit ihren sich überlagernden Spiegelungen und Reflexionen entfaltet sie eine überraschende Schönheit. Mit ihrer stoisch unveränderten Kameraposition erinnert die Aufnahme an einen legendären Film von Andy Warhol, der 1964 acht Stunden lang das Empire State-Building filmte.
Bei Lohner und Carlson jedoch passiert schließlich doch etwas: Unvermutet fährt plötzlich der Korb der "Canary Wharf Building Cleaners", der Fensterreiniger, ins Bild und gleitet über die Fassade - um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden. Lakonischer kann man kaum vom Vergehen der Zeit erzählen.