Diese Zeichnung von Franz Radziwill erwarb der Gründer der Kunsthalle Emden, Henri Nannen, 1988.Der Ankauf war ein Glücksfall. Denn in Nannens Privatsammlung befand sich bereits ein Gemälde Radziwills mit demselben Motiv. Heute sind Skizze und ausgeführtes Ölbild in einer Sammlung vereint.
Das mit Bleistift und Kohle ausgeführte Blatt zeigt eine massive, genietete Eisenbrücke, die über einen schmalen Kanal führt. Solche Wasserläufe zur Entwässerung von Marschland finden sich häufig in der friesischen Küstenregion, ebenso wie im benachbarten Holland. In beiden Gegenden war Radziwill in den Zwanziger Jahren viel mit dem Skizzenblock unterwegs. Katharina Henkel:
"Wir wissen von Radziwill, dass er viel in die Natur gegangen ist, (...) dass ganze Skizzenbücher entstanden sind, es gibt auch Äußerungen von ihm, in denen er sagt, er hat eine Woche lang quasi nur gezeichnet und überhaupt nicht gemalt (...). Bei ihm entstand auch zunächst immer im Arbeitsprozess eine Zeichnung, die dann zum Teil mit Aquarellfarbe koloriert wurde (...). Er hat mit dieser Vorarbeit zum Gemälde, also mit der Zeichnung, mit dem Aquarell, die Komposition überprüft, (...) ob das alles so stimmig ist, ob ihm das alles so zusagt, und dann im letzten Schritt ist das Gemälde entstanden. Wobei man sich das nicht so vorstellen muss, dass dann das Gemälde eine 1:1 Übernahme des Aquarells oder der Zeichnung ist, da gibt es schon noch Unterschiede."
In diesem Fall modifizierte Radziwill die Brückenkonstruktion bei der Umsetzung ins Gemälde und ließ das filigrane Geländer weg, so dass die Metallkonstruktion noch massiger und abweisender wirkt. Die Häusergruppe rechts ergänzte er durch ein modernes, wachturmartiges Gebäude. So wandelte sich auf dem Weg von der Skizze zum Gemälde auch der Ausdruck des Motivs.