Vom Nordseedeich in Dangast blicken wir über morastige Wiesen und vereinzelte Gehöfte, die sich umgeben von winterkahlen Bäumen in die flache Landschaft ducken. Kein Mensch ist zu sehen. Unwillkürlich beschleicht uns ein Frösteln - und voller Unbehagen schauen wir auf die gewaltige Wolkenwand, die sich über dem niedrigen Horizont auftürmt wie ein schneebedecktes Gebirge oder wie eine überdimensionale Flutwelle. Solche Licht- und Wolkenstimmungen lassen sich an der Küste tatsächlich am frühen Morgen erleben. Doch Radziwill steigerte die Atmosphäre bis an die Grenze zum Irrealen. In der Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Landschaft fand er Wege, über das Sichtbare hinauszugehen, ohne die vorgefundene Wirklichkeit zu verlassen. Der Maler meinte:
"Für mich bedeutet Dangast eine Quelle der Inspiration. Hier habe ich einen Himmel, der stündlich, oft von Minute zu Minute einem anderen Licht ausgesetzt ist, und ich sehe auch die seltsamsten Wolkenbildungen. Ich habe das Meer und den Wechsel der Gezeiten. Gegen Nordwesten ist der Horizont aufgerauht durch die Kräne und Helgen von Wilhelmshaven. Flugzeuge sausen hoch über mich hin, und an Wintertagen geistert das Nordlicht am Himmel. Aber auch die kleine Welt der Schiffer mit ihren Booten und Netzen, die Welt der Bauern gibt mir Anregungen. Ich habe die Marschebene vor Augen und zugleich welliges Land mit schönen alten Bäumen und Architekturen. Ein Spaziergang über den Deich, schon das Hinaustreten aus meinem Haus kann eine Welt von Erinnerungsbildern in Bewegung setzen."*
Mehr als ein Jahrzehnt bevor Radziwill dieses Gemälde schuf, war er 1921 das erste Mal nach Dangast gekommen. Die Empfehlung dazu gab ihm der Brücke-Expressionist Karl Schmidt-Rottluff, der hier vor dem Ersten Weltkrieg mehrere Malsommer verbrachte. Radziwill blieb auf Dauer: Er erwarb 1923 ein altes Fischerhaus, das er selbst renovierte und bis zu seinem Tod bewohnte. Heute ist es ein Museum.
* zit. nach Kat. Radziwill, Ausst. Berlin 1981, S. 156