Eine unterschwellige Bedrohung und Aggressivität geht von diesem farblich faszinierend schillernden Gemälde Franz Radziwills aus. Denn hier ankern keine friedlichen Passagier- oder Handelsschiffe, sondern mit schwerem Geschütz bewaffnete Kriegsschiffe. Katharina Henkel:
"Ja, das ist ein Bild, das ist faszinierend und abstoßend zugleich, also das bebt förmlich, wenn man davorsteht. Was natürlich durch das Wasser hervorgerufen wird: Dadurch, dass da so klitzekleine Wellen drauf sind, dass das in so schwefelig-grünlichen Farbtönen gehalten ist, aber auch dunkle Partien hat, bekommt es etwas Bewegtes - also man hat das Gefühl, da ist gerade ein Seebeben. (...) Angst einflößend ist natürlich auch der Himmel, der an ein flammendes Inferno denken lässt, man sieht auch diese zwei Flugzeuge, eines ist ganz deutlich erkennbar, eines ganz in Rot gehalten. Man hat eigentlich das Gefühl, es ist eine Feuersbrunst im Hintergrund, also dort findet eigentlich ein Gefecht statt, der Himmel ist sogar in Flammen gesetzt. Und dabei liegen eigentlich diese Schiffe ganz ruhig auf Reede und warten nur auf einen Einsatz."
Als Radziwill das Gemälde 1927 schuf, lag der Erste Weltkrieg, an dem er als Soldat teilgenommen hatte, bereits fast ein Jahrzehnt zurück. Doch das bedrohliche Potential moderner Waffenarsenale blieb für Radziwill immer präsent. "Auf Schillig Reede" - so der Titel dieses Gemäldes - konnte der Künstler die waffenstarrenden Kriegsschiffe unweit seines Wohnortes Dangast liegen sehen.
Der an der Nordseeküste gelegene Ort Schillig war schon in der Kaiserzeit ein wichtiger militärischer Vorposten des Reichsmarinehafens Wilhelmshaven gewesen. Und auf Schillig Reede spielte sich 1918 auch ein Ereignis ab, das vielleicht - als historische Erinnerung - in Radziwills Gemälde mitschwingt: Von dort ging 1918 ein Matrosenstreik aus, der wenig später in die Novemberrevolution mündete und zum Untergang des deutschen Kaiserreiches führte.
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"Mit seiner Faszination für die Schiffe ist es so, dass er Kontakte hatte, gute Kontakte auch später zu Marineoffizieren und zu Reedern, das heißt, er hatte auch die Möglichkeit, Werften zu besuchen und immer wieder auch die neuesten Entwicklungen im Entstehen zu sehen. Aber er war zum Beispiel auch 1928 in Hamburg auf dem Gelände des Norddeutschen Lloyd, wo ja zwei große Ozeandampfer zu der Zeit entstanden sind, die "Bremen" und die" Europa", die (...) beide das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung gewonnen haben - also absolut auf der Höhe der Technik damals. Und er hat diese Schiffe da in Hamburg gesehen beide und beide auch gemalt, das hat ihn also unglaublich auch fasziniert."