Befinden wir uns hier in einer Eingeborenenhütte auf einer Südseeinsel oder beim Urlaub an der deutschen Ostsee? Ernst Ludwig Kirchners großformatiges Aquarell lässt bewusst beide Assoziationen zu. Entstanden ist es auf der Ostseeinsel Fehmarn.
Dr. Nils Ohlsen: "Wir blicken aus einer Art Zelt heraus auf den Strand, und wir wissen von Fotos, dass es kein wirkliches Zelt war, sondern dass Kirchner dort Schilf zusammengebunden hat, sodass es so eine Art Strandmuschel gab, wo er dann drin arbeiten konnte, im Schatten."
Für Ernst Ludwig Kirchner war dies das Paradies: Draußen im Freien leben und arbeiten, einfach alle Kleider abstreifen - und damit zugleich alle bürgerlichen Moralvorstellungen, einengenden Konventionen und künstlerischen Regeln hinter sich lassen. Für uns heute ist es ganz normal, im Sommer nackt am Strand herumzulaufen und zu baden. Als Kirchner das Aquarell 1913 malte, war dies anders: In der wilhelminischen Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg badete man streng nach Geschlechtern getrennt, in hochgeschlossenen Badeanzügen oder von Badewagen aus. Kirchner und die befreundeten "Brücke"-Künstler jedoch suchten Orte, an denen sie ihr Ideal von Freiheit und Naturverbundheit ungestört ausleben konnten.
Dr. Katharina Henkel: "Ja, Kirchners "Akt im Bogen" ist auf der Insel Fehmarn entstanden. Kirchner war dort sehr oft, er hat ja den nackten Menschen in der Natur schon an den Moritzburger Seen in der Nähe von Dresden gemalt, ist dann aber nach Berlin gegangen, in die Großstadt - und als eine Art Refugium ist er dann immer nach Fehmarn gefahren und hat dort seine Malerkollegen und deren Freundinnen oder Frauen am Strand, im Wasser, im Schilf immer wieder festgehalten."
Nachlass des Künstlers, 15.06.1938–#### [1]; Serge Sabarsky Gallery, New York, ####–Februar 1972 [2]; Henri Nannen Privatsammlung, Hamburg/Emden, Februar 1972–Dezember 1992 [3]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Emden, Dezember 1992 [4]
[1] & [3] Stempel auf der Rückseite des Werks mit folgendem Wortlaut »Nachlass E. L. Kirchner A Be/3f14« (laut Restaurierungsakte). Die Angabe des Nachlasses von Kirchner als Provenienz findet sich auch auf der Rechnung der Serge Sabarsky Gallery vom 16.02.1972 an Henri Nannen.
[4] Beleg über die Zustiftung des Werks aus Henri Nannens Privatsammlung vom 08.12.1992; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.