In diesen Farbräumen kann man sich verlieren: Schicht um Schicht hat der deutsche Maler Gerhard Richter auf die großformatige Leinwand aufgetragen, mit riesigen Spachteln, Rakeln und Pinseln. Borkig reißt die Malmaterie auf, lässt Darunterliegendes durchschimmern. Lichtes Grau legt sich in Flocken über Gelb und Grün, das sich im unteren Teil des Bildes nach vorne schiebt. Oben links am Rand kommt kräftiges Rot ins Spiel; es blitzt auch in anderen Partien durch, etwa unten links oder - ins Fleischfarbene abgetönt - ganz rechts. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr wirkt es wie ein abstraktes Vexierspiel: Was ist Hintergrund? Was drängt sich nach vorn? Nie wird man ganz bis zum Grund vordringen, nie dem Geheimnis des beweglichen Gefüges auf die Schliche kommen.
Erinnern die in Grüntönen angelegten Bereiche im unteren Teil des Bildes nicht sogar sehr vage an Landschaftliches, etwa an saftig grüne Wiesen mit einem hohen, blau-grauen Himmel darüber? Solche gegenständlichen Assoziationen tauchen im Prozess der Wahrnehmung nur für einen Moment auf und entgleiten uns sogleich wieder im Gestöber der abstrakten Farbflecke.
Gerhard Richter - in 1932 im Kreis Zittau in Sachsen geboren - gehört zu den international erfolgreichsten und höchstbezahlten Malern Deutschlands. Faszinierenderweise hat er sich nie für eine bestimmte Stilrichtung entschieden. Neben abstrakten Werken wie diesem malt er immer wieder gegenständliche Bilder in einem sehr charakteristischen, leicht verschwommenen Stil, wobei er stets Fotografien als Vorlage benutzt.
Gerhard Richter gilt als Chamäleon der Kunstszene. Sogar gänzlich graue, monochrome Großformate hat er geschaffen. Seinen Betrachtern mutet er zu, sich immer wieder neu auf das Wagnis der Malerei einzulassen.