Rolf Cavaels wichtigstes Ausdrucksmittel war die Linie: Dieses Gemälde aus seiner späten Schaffensphase der 50er Jahre zeigt dies auf charakteristische Weise. Feine Farbspuren schwingen frei aus der Geste der Pinsel führenden Hand heraus über die Leinwand. Sie verdichten sich kreiselnd zu lockeren Wirbeln, formen filigrane Farbknäuel und schweifen in graziösen Bögen über die Fläche.
Der "wie geschriebene" malerische Vortrag besitzt trotz aller improvisierenden Ungebundenheit eine große Präzision: Zu Beginn seiner Laufbahn hatte Rolf Cavael Typographie und Schriftgestaltung studiert. Die Farbe tritt in diesem Bild zurück und bildet einen Fond aus changierenden Grüntönen, vor dem sich die tänzerische Choreographie der kalligraphischen Linien entfaltet.
Der kryptische Titel "58/MZ/4" verrät, dass Cavael dieses Werk 1958 als viertes Bild im Monat März schuf. Cavael bezeichnete seine Kunst als "absolute Malerei" - losgelöst von der sichtbaren Wirklichkeit, ähnlich wie Musik. Großen Einfluss auf sein künstlerisches Denken übte der abstrakte Maler Wassily Kandinsky aus. Der junge Cavael suchte ihn 1931 persönlich am Dessauer Bauhaus auf, wo der Russe lehrte. Kandinsky hatte mit Schriften wie "Das Geistige in der Kunst" und "Punkt zu Linie und Fläche" wichtige theoretische Grundlagen der abstrakten Gestaltung formuliert.
Cavael erläuterte sein eigenes Kunstverständnis sehr schön mit einem Beispiel:
"Ein Stein - nimmt man an - ist tote Materie. Aber wenn man ihn zerschneidet und die Schnittfläche poliert, zeigt er sein Wesen, zeigt er seinen Werdensweg in schier unersättlicher Schönheit von Farben und Formen. So liegt viel vergraben in unserer Seele, das Bild unendlicher Formen und Farben. Nur in tiefer Meditation und in entspanntem Verhalten bringen wir die Vielfalt von Klängen ans Tageslicht."