"1 Woche London, 6.9.-11.9.1996" heißt diese mehrteilige Bildserie von Miriam Cahn. Sie geht auf einen Stipendiumsaufenthalt der Schweizer Künstlerin 1996 in der britischen Hauptstadt zurück. Vielleicht entstand, wie der Titel vermuten lässt, jeden Tag eines der insgesamt sechs Ölbilder.
Ein geheimnisvolles farbiges Leuchten geht von diesen Bildern aus. In sanften Farbübergängen treten Gesichter, baumartige Gebilde und eine Tierfigur aus dunklen Hintergründen hervor. Die Gestalten erscheinen ungreifbar und immateriell - und wirken doch äußerst präsent. Dass diese Gemälde nicht die äußere Wirklichkeit abbilden, begreifen wir unmittelbar. Doch worum geht es der Künstlerin stattdessen?
Die 1949 in Basel geborene Miriam Cahn gehört zu den bedeutendsten Vertreterinnen einer feministisch motivierten Kunst. Als sie Mitte der 1970er Jahre mit ihrer künstlerischen Arbeit begann, entschied sie sich ganz bewusst für eine weibliche Kunst und meinte: "Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil." Cahn begann mit einem radikal selbstbezogenen Arbeitsprozess. Sie malte intuitiv, ganz aus ihrem eigenen Rhythmus und ihren körperlichen Energien heraus, zum Teil mit geschlossenen Augen. Dabei erkundete sie unbewusste, auch tabuisierte Körpererfahrungen und löste sich entschieden von den Darstellungskonventionen der - männlich dominierten - Kunstgeschichte. Wie auch die moderne Psychologie festgestellt hat, können sich unsere inneren Körperbilder und -wahrnehmungen stark von unserer äußeren Körpergestalt, die wir im Spiegel erblicken, unterscheiden. Die Empfindungen der Sinne, der Haut, Traumbilder und Erinnerungen, auch die Erfahrung des Angeschautwerdens - all dies fließt in Miriam Cahns Arbeiten ein.
Bei den hier gezeigten Bildern scheinen Zonen von Wärme und Kälte, von Aktivität und Passivität aufzuleuchten, fast wie bei einer Wärmebildkamera. So transzendiert die Künstlerin eine sehr individuelle Erfahrungswelt in überpersönliche Bilder von beinahe unheimlicher Intensität.