Drei Frauen haben sich unter freiem Himmel am Rande einer Meeresbucht oder eines weiten Sees eingefunden und sich - ungestört von zudringlichen Blicken - ihrer Kleider entledigt, um zu baden. Ihre weiblichen Körperformen runden sich wie die erdbraunen Hügel, die sanft aus dem blauen Wasser emportreten. Glutrot taucht die Sonne am Horizont unter - und die drei Frauen halten für einen Moment inne, um die Schönheit dieses Moments zu genießen. Bald wird sich die Abendkühle herabsenken, die sich in den Blau- und Grüntonen bereits anzukündigen scheint. Doch noch bestimmen warme Erdfarben und Hauttöne die Atmosphäre des Bildes. Es strahlt Harmonie, Ruhe und Wohlklang aus.
Die Malerin Erma Barrera-Bossi hat hier keine realistische Alltagssituation wiedergegeben, sondern einer Utopie, einem uralten Traum der Menschheit mit modernen Mitteln Ausdruck verliehen. Angeregt von Paul Cézanne und seinen Gemälden der "Badenden" schuf sie eine moderne Variante des antiken Arkadien - jenes Traumlandes, in dem Mensch und Natur in Harmonie und Einklang miteinander lebten.
Doch wer war Erma Barrera-Bossi? Heute kennt kaum noch jemand ihren Namen. Nicht einmal ihr genaues Geburtsdatum ist bekannt: Zwischen 1882 und 1885 wurde sie in Pola bei Triest geboren. Ab 1905 besuchte sie in München eine private Malschule und war mit Kandinsky und Gabriele Münter befreundet.
1910 - ein Jahr bevor dieses Gemälde entstand - reiste sie nach Italien und ließ sich danach in Paris nieder, wo sie an verschiedenen Ausstellungen teilnahm. Später ging sie mit ihrem italienischen Ehemann nach Mailand und starb 1952 oder 1960.
Zu Unrecht ist die Künstlerin weitgehend in Vergessenheit geraten. Henri Nannen, der sich wenig darum scherte, wie berühmt oder unbekannt ein Künstler war, hat dieses Werk glücklicherweise entdeckt und angekauft: Es gehört zu den wenigen von Erma Barrera-Bossi erhaltenen Werken überhaupt.
Im Besitz der Künstlerin, 1911–#### [1]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [2];Adolf Erbslöh, München, ####–#### [3]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [4];Galerie Stangl, München, ####–Dezember 1971 [5]; Ankauf von Gruner + Jahr für Henri Nannen bei der Galerie Stangl, München, Dezember 1971 [4]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, als Zustiftung von Henri Nannen, Dezember 1992 [5]
[1] Im Ausstellungskatalog zur dritten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München des Turnus 1911/12 wird unter »Barrera-Bossi, Erma, Paris« das Gemälde Badende als drittes von vier ausgestellten Werken angeführt. Keines der Werke ist mit einem Sternchen gekennzeichnet, welches im Katalog Leihgaben aus Privatsammlung kennzeichnet. Es ist deshalb davon auszugehen, dass das Gemälde als Leihgabe der Künstlerin Teil der Ausstellung war.
[2] Ob die Besitzverhältnisse des Werks noch während der Ausstellung oder zu einem späteren Zeitpunkt wechselten, ist nicht bekannt.
[3] Otto Stangl, von dem das Gemälde am 9. Dezember 1971 für Henri Nannen von Gruner + Jahr im Zuge einer Ersatzbeschaffung erworben worden ist, gibt in einem Antwortschreiben vom 20. Januar 1987 die Sammlung des Malers Adolf Erbslöh (1881–1947) als Provenienz ohne weitere Zeitangaben an. Otto Stangl war im Rahmen der Recherchen zum Bestandskatalog der Kunsthalle Emden um Provenienzangaben gebeten worden.
[4] Rechnung der Galerie Stangl vom 9.12.1971.
[5] Beleg über die Zustiftung des Werks aus Henri Nannens Privatsammlung zum 8. Dezember 1992; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.