Zwischentöne und Nuancen kennt der Schwarz-Weiß-Holzschnitt nicht: Hart stoßen helle und dunkle Flächen aufeinander. Die Expressionisten schätzten die kontrastreiche Wirkung dieses druckgraphischen Mediums besonders und brachten die bereits im Mittelalter bekannte Technik des Holzschnitts zu neuer Blüte. Dieses Blatt mit dem Titel "Idyll (Drei Frauen)" stammt von dem Leipziger Expressionisten Rüdiger Berlit - wie seine Signatur unten rechts auf dem Papierrand belegt. Dasselbe Motiv hat er auch in einem Gemälde umgesetzt, das sich ebenfalls im Besitz der Kunsthalle befindet.
Berlit verstand es, die Vorzüge der Holzschnitttechnik meisterhaft zur Geltung zu bringen. Spannungsreich setzte er Flächen und Linienstrukturen in Beziehung. Nur die weißen Partien des Motivs wurden dabei aus dem Druckstock herausgeschnitten. Wenige, sparsam eingesetzte Linien genügten dem Künstler, um etwa im Vordergrund die Röcke der beiden Frauen anzudeuten.
Heute kann man sich kaum noch vorstellen, was für Entrüstungsstürme Berlits Kunst Anfang der 20er Jahre in Leipzig auslöste, als er seine Werke zusammen mit anderen Leipziger Expressionisten ausstellte. Nicht die Themen Berlits - idyllische Szenen wie hier oder auch religiöse Motive - erregten das Publikum, sondern der anti-naturalistische Stil seiner Arbeiten. Sogar der Leipziger Bildhauer Max Klinger äußerte sich entsetzt und sprach von einem "Fieber", das diese Maler ergriffen habe.
Berlit zählt zur so genannten "zweiten Generation" des deutschen Expressionismus und vertrat eine gemäßigtere Spielart der expressiven Kunst: Dieses Blatt etwa zeigt noch deutliche Anklänge an den Jugendstil der Jahrhundertwende.