Manchmal gleicht die Kunstwissenschaft einer Detektivtätigkeit. Dieses Gemälde erwarb der Kunstsammler Henri Nannen als Werk eines unbekannten Künstlers. Wenn Sie einen Blick in die rechte, untere Ecke des Bildes werfen, sehen Sie, dass die dort ursprünglich vorhandene Signatur nachträglich entfernt worden war. Wann und aus welchem Grund dies geschah, ist nicht bekannt. Durch Vergleiche mit anderen Werken schrieb man das Gemälde zunächst der Malerin Erma Barrera-Bossi zu, die ebenfalls in der Kunsthalle vertreten ist. Dann jedoch kamen Zweifel auf: Der kantige Figurenstil deutet eher auf den Leipziger Künstler Rüdiger Berlit hin. Diese Zuschreibung konnte 2010 durch einen glücklichen Zufall gesichert werden: Denn es gelang der Kunsthalle, einen Holzschnitt von Rüdiger Berlit zu erwerben, der genau das gleiche Motiv zeigt.
Schauen wir uns das Gemälde etwas genauer an. Trotz des kantigen, herben Stils besitzt das Bild eine zarte, poetische Atmosphäre: Die drei Frauen haben sich vor rotem Abendhimmel am Ufer eines Sees versammelt. Klare dunkle Konturen umreißen die stark stilisierten Farbformen. Jede der "Drei Frauen" verkörpert dabei eine der drei Grundfarben: Rot, Gelb und Blau. Dies waren, wie ein Zeitgenosse berichtet, die Lieblingsfarben des Expressionisten Rüdiger Berlit.
Der 1883 in Leipzig geborene Künstler ist heute kaum noch bekannt. In der NS-Zeit wurde er - wie viele expressionistische Maler - verfehmt; und ein Großteil seines Werkes fiel 1944 einem Luftangriff zum Opfer, als sein Atelier in Leipzig in Flammen aufging. Erhalten blieben nur die Arbeiten, die sich schon zuvor in Privatsammlungen oder Museen befanden - so wie dieses bedeutende Werk aus der Zeit um 1910.
Bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [1]; Leonard Hutton Galleries, New York, ####–1977 [2]; Privatsammlung Henri Nannen, Hamburg/Emden, Januar 1977–13.10.1996 [3]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen, als Vermächtnis Henri Nannen, 13.10.1996 [4]
[1] Die Ermittlung der Provenienz wird erschwert durch die fehlende Datierung des Gemäldes sowie dadurch, dass es erst Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre Rüdiger Berlit zugeschrieben wurde; bislang konnte nicht ermittelt werden, ob sich auch der Titel im Lauf der Zeit änderte. Zur Zuschreibung an Rüdiger Berlit vgl.: Renate Hartlieb: »In glücklichen Momenten ganz aus der Farbe heraus. Der Leipziger Expressionist Rüdiger Berlit – Notizen zu Leben und Werk«, in: Rüdiger Berlit und der Expressionismus in Leipzig, hrsg. von Richard Hüttel, Hans-Werner Schmidt, Leipzig 2010, S. 42, Fußnote 29. Dort heißt es: »Der Verleger und Sammler Henri Nannen erwarb das Gemälde als Werk eines unbekannten Monogrammisten und schrieb es Erma Barrera-Bossi zu […]. Die Autorin kann für sich in Anspruch nehmen, Henri Nannen zuerst auf Rüdiger Berlit als Schöpfer dieses Gemäldes aufmerksam gemacht zu haben«. Renate Hartlieb verstarb im Frühjahr 2022 und konnte hierzu nicht mehr befragt werden.
[2] & [3] Wann und mit welcher Provenienz das Gemälde in den Besitz der Leonard Hutton Galleries kam, ist bislang unbekannt. Eine rückwärtschronologische Suche über die Leonard Hutton Galleries war nicht möglich, da die Galerie nach dem Tod der Besitzer, Leonard (1902–1990) und Ingrid Hutton (1932–2018) geschlossen wurde und der Verbleib des Galerienachlasses bislang nicht ermittelt werden konnte. Das Werk wird erstmals unter der Angabe »E. B. Bossi Drei Frauen« als Nummer 43 der Liste für Graphiken und Gemälde der Privatsammlung von Henri Nannen, Stand 01.01.1978, angeführt; die Leonard Hutton Galleries werden als Verkäufer in internen Versicherungslisten sowie in einem auf den 15.11.1995 datierenden Inventarbericht angeführt; letzterer führt das Datum des 01.01.1977 als Rechnungsdatum; die Originalrechnung ist bisher nicht auffindbar.
[4] Auszug aus dem Testament von Henri und Eske Nannen vom 18. August 1993, worin das Gemälde noch der Künstlerin Erma B. Bossi zugeschrieben ist; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.
Lost Art-Datenbank: Fundmeldung, Lost Art-ID615341