Zahlreiche kleinformatige, stark farbige Blätter verbinden sich hier zu einer regelrechten Bilderwand. Lassen Sie die Fülle der Eindrücke zunächst auf sich wirken, während ich Ihnen mehr darüber erzähle. "Ikonostase" hat der Münchner Künstler Hans Matthäus Bachmayer seine zwischen 1992 und 1993 entstandene Arbeit genannt. Mit diesem Begriff bezeichnet man in der christlich-orthodoxen Kirche eine mit Ikonen geschmückte Bilderwand, die die Gemeinde vom Altarraum, dem Allerheiligsten, trennt. Das griechische Wort "Ikóna" bedeutet zunächst allerdings nichts anderes als "Bild" oder "Abbild".
Bachmayers moderne "Ikonostase" konfrontiert uns mit einer befremdlichen, halb abstrakten Motivwelt voller organisch gerundeter Formen. Da gibt es embryonenhafte Wesen und eigenartige Zellstrukturen, phallusähnliche Ausstülpungen und Brüste, kugelige Köpfe und runde Augen. Manche Gebilde erinnern an Totenschädel, andere an Raumkörper in der nachtschwarzen Unendlichkeit des Alls und wieder andere an Mutter-und-Kind-Darstellungen. Alles befindet sich wie in einem unablässigen Prozess der Verwandlung, der Metamorphose. Bachmayers zeichenhaft reduzierte Körperbilder scheinen die kreatürliche Existenz des Menschen zwischen Geburt und Tod zu reflektieren.
Mit ihrer bunten Farbigkeit und den knubbelig vereinfachten Formen gleichen diese Bilder Kinderzeichnungen. Diesen Eindruck verstärkt die Technik der Wachskreidezeichnung auf Papier, die häufig auch von Kindern benutzt wird. Die dicht über- und nebeneinandergesetzten Strichlagen gewinnen hier eine große Farbintensität, wobei die einzelnen Töne meist unvermischt - so wie sie aus dem Farbkasten kommen - nebeneinander stehen. Der heftige, zeichnerische Duktus bleibt immer sichtbar und gibt den Blättern eine eigene, holzschnittartige Ästhetik.
Der 1940 geborene Hans Matthäus Bachmayer ist neben seiner Malerei auch als Theoretiker hervorgetreten: Er promovierte in Philosophie und veröffentlichte kunsttheoretische Texte, etwa " Zur Phänomenologie der Kunst und des Nihilismus" und zur "Philosophie der extremen Ästhetik".